Bey dem Eheverbündniß meines jüngsten Bruders Ernst Daniel Hempel

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Anna Luise Karsch: Bey dem Eheverbündniß meines jüngsten Bruders Ernst Daniel Hempel (1792)

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Du trauest, mein geliebter Bruder,
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Dem Herrscher, der die Fluren tränkt
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Aus seinem Himmel, und das große Steuerruder
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Von aller Menschen Schicksal lenkt.

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Du denkst in feierlicher Stunde
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Zurück an Deiner Jugend Pfad;
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Die Dornen machten Dir schon eine tiefe Wunde,
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Als kaum Dein Fuß die Welt betrat.

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Als sich Dein Arm um meinen Nacken
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Noch kindisch wand, als Du den Sarg
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Des Vaters nicht gekannt, wo ihre nasse Backen
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Die Mutter unterm Flor verbarg.

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Du wuchsest mancher Noth entgegen,
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Zu früh verwaiset warst Du so
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Zur Sklaverei bestimmt, wie Israel zu Schlägen
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Im Frohndienst eines Pharao.

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Dich armen lastbeladnen Knaben
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Zog oftmahls die Melancholie
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Zum Gottesacker, wo Dein Vater ward begraben,
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Da seufztest Du: „ich kannt’ ihn nie.„

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Da sankst Du traurig auf den Hügel,
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Der Deiner Mutter Staub bedeckt,
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Bis ein Posaunenschall des Grabes Thor und Riegel
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Zersprenget, und die Todten weckt.

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Du weintest laut auf jenem Sande,
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Der unsern Herzen heilig heißt,
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Nahmst einen Stab und giengst in unbekannte Lande
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Mühselig, wie ein Wandrer reist.

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Der Mutter sterbendes Gebete,
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Ihr lezter Seufzer ging mit Dir
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Durch Labyrinthe fort, durch Wälder, Meer und Städte,
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Ihr Engel brachte Dich zu mir,

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Zu einer Schwester, die den Finger
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Des höchsten Weltregierers kennt,
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Und seine Führung preist, und täglich sich geringer
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Als tausend andre Menschen nennt.

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O Bruder, trüge meine Töne
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Der Nachhall bis zur Sternenwelt,
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Würd’ unsrer Mutter jezt das Bildniß ihrer Söhne
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Mit Blumenkränzen vorgestellt,

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Und dieses Beispiel einer ächten
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Getreuen Liebe, Deine Braut:
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Dann fühlte sie noch mehr die Wonne des Gerechten,
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Der Gottes Angesichte schaut.

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Ich höre Flügel sich bewegen,
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Mein Bruder, horche doch, es bringt
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Vielleicht ein Engel von dem Himmel einen Seegen,
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Den unsre Mutter jezt erringt.

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Dein Herze fühlet stärkre Schläge
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Von Hoffnung und von Zuversicht,
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Und Du befiehlst getrost dem Herren Deine Wege.
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Und sorgest für die Zukunft nicht.

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Und siehst auf ihn, der alle Nester
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Verlaßner Raben unterhält,
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Und Deine tief in Staub herabgeworfne Schwester
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Zum Wunder machte vor der Welt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Anna Louisa Karsch
(17221791)

* 01.12.1722 in Skąpe, † 12.10.1791 in Berlin

weiblich, geb. Karsch

deutsche Dichterin

(Aus: Wikidata.org)

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