Der Jenner

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Johann Peter Hebel: Der Jenner (1803)

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Im Aetti sezt der Oehldampf zu.
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Mer chönnte ’s Aempeli use thue,
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und d’Läden uf. Der Morge-Schi’
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blickt scho zum runde Nastloch i. —
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O lueget doch, wie chalt und roth
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der Jenner uf de Berge stoht.

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Er seit:
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„der Stern am Himmel lacht mi a!
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„er glitzeret vor Lust und Freud,
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„und mueß er furt, sen ischs em Leid;
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„er luegt mi a, und cha ’s nit lo,
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„und würd byzite wieder cho.

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„und unter mer in Berg und Thal,
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„wie flimmerets nit überal!
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„an allen Ende Schnee und Schnee;
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„’s isch alles mir zu Ehre gscheh,
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„und woni gang im wite Feld,
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„sin Stroße bahnt, und Brucke gstellt.“

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Er seit:
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„i ha ne luftig Tschöpli a,
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„und rothi Backe bis ans Ohr,
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„e heiter Aug und Duft im Hoor,
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„ke Wintergfrist, ke Gliederweh,
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„und woni gang, se chracht der Schnee.“

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Er seit:
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„lueg, wieni überzuckere cha!
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„j chuuch, und an de Hürste hangts,
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„und an de zarte Birche schwankts.
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„der Zuckerbeck mit gschickter Hand,
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„mit Geld und Gut wär’s nit im Stand.

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„jez lueg au dini Schiben a,
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„und wieni Helgli chritzle cha!
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„do hesch e Blüemli, wenns der gfallt,
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„do hesch e ganze Tannewald!
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„der Früehlig chönnts nit halber so,
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„s isch mit der Farb nit alles tho.“

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Er seit: „J bi ne st
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„und zwing mi näumer, wenn er cha!
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„der Forster gstablet uf der Jacht,
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„der Bruñtrog springt, der Eichbaum chracht.
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„d’ Frau Sunne mittem Gsichtli rund,
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„het ’s Herz nit, aß sie füre chunnt.“ —

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’s isch wohr, me weiß nit, was sie tribt,
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und wo sie alli Morge blibt.
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Wie länger Nacht, wie spöter Tag,
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wie besser, aß sie schlofe mag,
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und blieb es bis um Zehni Nacht,
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se chäm sie erst, wenns Oelfi schlacht.

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Nei het sie’s ghört? Dört chunnt sie io!
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Me meint, ’s brenn alles liechterloh! —
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Sie stoht im chalte Morgeluft,
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sie schwimmt im rothe Nebelduft.
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Zeig, chuuch e wenig d’ Schiben a,
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’s isch, aß me besser luege cha!

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Der Nebel woget uf und ab,
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und d’ Sunne chämpft, sie loßt nit ab. —
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Jez het sie ’s gunne. Wit und breit
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strahlt ihri Pracht und Herlichkeit.
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O lueg, wie’s über d’ Dächer wahlt,
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am Chilche-Fenster, lueg, wies strahlt.

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Der Jenner sezt si Arm in d’ Huft,
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er rukt am Hut, und schnellt in d’ Luft.
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Der Jenner seit: „J förch di nit!
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„chumm, wenn de mit mer baschge witt!
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„was gilts, de würsch byzite goh,
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„und rüehmsch dim Büeble nit dervo!“

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Je ’s wär wol hübsch und liebli so,
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im warme Stübli gfallts eim scho.
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Doch meugi Frau, das Gott erbarm,
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sie nimmt ihr nackig Chind in d’Arm,
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sie het em nüt um d’ Gliedli z’ thue,
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und wicklet’s mittem Fürtuech zu.

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Sie het kei Holz, und het kei Brod,
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sie sizt und chlagts im liebe Gott.
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Gfriert Stei und Bei, wohl thaut der Schmerz
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no Thränen uf im Muetterherz.
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Der Jenner isch e
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er nimmt si nüt um d’ Armeth a.

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Gang bring der arme Fischer-Lis’
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e Säckli Mehl, e Hemdli wiß,
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nimm au ne Wellen oder zwo,
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und sag, sie soll au zuenis cho,
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und Weihe hole, wenni bach,
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und decket iez der Tisch alsgmach.

([Hebel, Johann Peter]: Allemannische Gedichte. Karlsruhe, 1803.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Johann Peter Hebel
(17601826)

* 10.05.1760 in Geburtshaus Johann Peter Hebel, † 22.09.1826 in Schwetzingen

männlich, geb. Hebel

deutscher Dichter, evangelischer Theologe und Pädagoge

(Aus: Wikidata.org)

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