Die Irrlichter

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Johann Peter Hebel: Die Irrlichter (1803)

1
Es wandlen in der stille dunkle Nacht
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wohl Engel um, mit Sterneblume gchrönt,
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uf grüne Matte, bis der Tag verwacht,
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und do und dört e Betzit-Glocke tönt.

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Sie spröche mitenander deis und das,
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sie machen öbbis mitenander us;
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’s sin gheimi Sache; niemes rothet, was?
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Druf göhn sie wieder furt, und richte’s us.

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Und wenns so finster wird, wie in’re Chue,
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und wemme nümme sieht, wo d’Nußbäum stöhn,
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was gschieht? se mü’en die füürige Manne zu,
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und mü’en den Engle zünde, wo sie göhn.

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Und iedem hangt e Bederthalben a,
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und wenns em öd wird, lengt er ebe dri,
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und biißt e Stückli Schwefelschnitten a,
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und trinkt e Schlückli Treber-Brentewi.

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Druf puzt er d’Schnören amme Tschäubli ab;
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Hui, flackerets in liechte Flammen uf,
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und, hui, gohts wieder d’Matten uf und ab,
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mit neue Chräfte, d’ Matten ab und uf.

21
’s isch chummliger so, wenn eim vorem Fuß
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und vor den Auge d’Togge selber rennt,
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aß wemme sie mit Hände trage muß,
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und öbbe gar no d’Finger dra verbrennt.

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Und schriket spot e Mensch dur d’Nacht derher,
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und sieht vo witem scho die Kerli goh,
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und betet lisli: „Das walt Gott der Her“—
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„ach bleib bey uns“ — im Wetter sin sie do.

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Worum? So bald der Engel bete hört,
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se heimelets en a, er möcht derzu.
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Der füürig Marcher blieb io lieber dört,
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und wenn er chunnt, se hebt er d’ Ohre zu.

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Und schritetöbsch e trunk’ne Ma dur d’ Nacht,
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er fluecht und sappermentet: „Chrütz und Stern,“
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und alli Zeichen, aß der Bode chracht,
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sell hörti wohl der füürig Marcher gern.

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Doch wirds em nit so gut; der Engel seit:
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„furt, weidli furt! Do magi nüt dervo!“
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Im Wetterleich, sen isch der wiit und breit
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kei Marcher me, und au kei Engel do.

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doch goht me still si Gang in Gottis G’leit,
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und denkt: „Der chönnet bliben oder cho,
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„ne jede weiß si Weg, und’s Thal isch breit,“
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sel isch ’s vernünftigst, und sie lön ein go.

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Doch wenn der Wunderwitz ein öbbe brennt,
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me lauft im Uhverstand den Engle no,
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jel isch ene wie Gift und Poperment;
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im Augeblick se lön sie alles stoh.

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Z’erst sage sie: „Denkwol es isch si Weg,
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„er goht verbey, mer wen e wenig z’ruk!“
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So sage sie, und wandle still us weg,
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und sieder nimmt der füürig Ma ne Schluck.

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Doch folgt me witers über Steg und Bort,
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wo nummen au der Engel goht und stoht,
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se seit er z’lezt: „Was gilts i find en Ort,
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„du Lappi, wo di Weg nit dure goht!“

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Der Marcher muß vora; mit stillem Tritt
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der Engel hinterher, und lauft me no,
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se sinkt men in e Gülle, ’s fehlt si nit.
60
Jez weisch di B’richt, und jez chasch wieder goh!

([Hebel, Johann Peter]: Allemannische Gedichte. Karlsruhe, 1803.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Johann Peter Hebel
(17601826)

* 10.05.1760 in Geburtshaus Johann Peter Hebel, † 22.09.1826 in Schwetzingen

männlich, geb. Hebel

deutscher Dichter, evangelischer Theologe und Pädagoge

(Aus: Wikidata.org)

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