John Gilpin. (Nach William Cowper.)

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Theodor Fontane: John Gilpin. (Nach William Cowper.) (1851)

1
John Gilpin hat ein Tuchgeschäft
2
Nicht weit von Leicester-Square,
3
Auch war er Hauptmann der Miliz
4
In Londons Bürgerwehr.

5
Und Gilpin hat ein edles Weib;
6
Sie sprach: „Mein theurer John,
7
Wir sahen keinen Feiertag
8
Die zwanzig Jahre schon.

9
„drum, heut an unsrem Hochzeitstag,
10
Dächt’ ich, Mann meiner Wahl,
11
Kutschirten wir nach Ingelton,
12
In’s frische Grün einmal.

13
„fünf unsrer Kleinen nehm’ ich mit,
14
Sie wiegen ja nicht schwer,
15
Und haben Platz; — Du steigst zu Roß,
16
Und reitest hinterher.“

17
John Gilpin sprach: „Ich ehrte stets
18
Das weibliche Geschlecht,
19
Doch dreimal ehr’ ich Dich, o Weib,
20
Drum ist mir Alles recht.

21
„auch schafft mein blühend Tuchgeschäft
22
Leicht meinem Wunsch Gehör,
23
Und seinen Braunen leiht mir gern
24
Mein Freund, der Appreteur.“

25
Sprach Mistreß Gilpin: „John, noch eins,
26
Wie ist es mit dem Wein?
27
Ich denk’, wir nehmen welchen mit,
28
Es dürfte bill’ger sein.“

29
John Gilpin küßt sein treues Weib,
30
Er weinte auf ein Haar,
31
Daß Mistreß, trotz Vergnügungssucht
32
Doch noch so sparsam war.

33
Der Wagen kam, doch hielt er nicht
34
Vor Gilpins eignem Haus,
35
Die edle Seele war in Furcht
36
Hochmüthig säh’ das aus.

37
Drei Häuser abwärts stieg man ein,
38
Die Küchlein und das Huhn,
39
Und durch die City-Straßen hin,
40
Ging es im Trabe nun.

41
Die Peitsche pfiff, aufschlug der Huf,
42
Daß alles klang und scholl,
43
Und Rad und Steine lärmten schier,
44
Als wären beide toll.

45
John Gilpin hatte sich indeß
46
Als Reiter schon gezeigt,
47
Und lang geschwankt, ob rechts ob links
48
Man in den Bügel steigt.

49
Jetzt aber sitzt er sattelfest; —
50
Er will davon im Nu,
51
Da steuern seiner Kunden drei
52
Grad auf den Laden zu.

53
John Gilpin denkt: „Verlust an Zeit
54
Ich schätz’ ihn nicht gering,
55
Doch traun, Verlust an Gut und Geld
56
Ist noch ein übler Ding.“

57
Schnell springt er ab. — Noch steht und schwankt
58
Der Handel mit den Drein,
59
Da stürzt ihm Betty in den Weg:
60
„hier Herr, ist noch der Wein!“

61
„gut — spricht er — doch nun bring mir auch
62
Das Lederfutteral,
63
Darinnen bei Paraden steckt
64
Mein jungfräulicher Stahl.“

65
John Gilpin nahm die Flaschen beid’,
66
Sie waren voll Likör,
67
Und hatten oben an dem Hals
68
Ein weites Henkelöhr.

69
Durch beide zog er jetzt hindurch
70
Die Scheide seines Schwerdt’s, —
71
Sie hingen, wie Pistolen schier,
72
Am Sattel seines Pferd’s.

73
Dann schlug er um die Schultern sich
74
Den Mantel schwarz und roth,
75
Als zög’ er in die Ritterschlacht
76
Zum Siege oder Tod. —

77
Die Stadt hindurch, auf hartem Stein,
78
Da schien der Renner faul;
79
John Gilpin sprach: „Du scheinst mir auch
80
Ein alter Karrengaul.“

81
Doch plötzlich, draußen vor dem Thor,
82
Verging ihm aller Spott,
83
Der Braune schnob und wieherte
84
Und setzte sich in Trott.

85
„still, still, mein Thierchen“, ächzte John,
86
„so wirf mich doch nicht ab!“
87
Doch, wie er auch am Zügel riß,
88
Gallop ward aus dem Trab.

89
Und auf und nieder, her und hin,
90
Flog unser armer Tropf,
91
Bald hielt er an den Mähnen sich,
92
Und bald am Sattelknopf.

93
Das arme Pferd, das immer sonst
94
Gelenkt von sichrer Hand,
95
Es kam bei Gilpins Reiterei
96
Zuletzt um den Verstand.

97
Und wie vom Teufel angeschürt,
98
Durchging es voller Wuth:
99
Abriß ein Baum, von Gilpins Kopf,
100
Perrücke, Zopf und Hut.

101
Scharf blies der Ost; noch flaggte bunt
102
Des Mantels weiter Schooß, —
103
Jetzt aber ging er in die Welt,
104
Die Knöpfe ließen los.

105
Die Hunde bellten Dorf um Dorf,
106
Die Kinder lärmten mit,
107
Und alles schrie: „das nenn’ ich brav,
108
Das nenn’ ich einen Ritt!“

109
Die Nachbarweiber klatschten sich
110
Bereits die Mäuler wund;
111
Die eine wußt’ es ganz genau:
112
Es gölte tausend Pfund.

113
Die Zolleinnehmer hielten’s auch
114
Für Wetteritt und Lauf,
115
Und rissen mit geschäftger Hand
116
Die Gitterthore auf.

117
John Gilpin schlüpfte heil hindurch,
118
Nicht so das Flaschenpaar,
119
Die eine ließ den Kork zurück,
120
Den Hals die andre gar.

121
Hin troff der röthliche Likör;
122
Man dacht’ es wäre Blut,
123
Und murrend klang es hie und da:
124

125
Jetzt aber in Klein-Ingleton
126
Hinein sprengt unser John;
127
Es harrte schon, mit Gruß und Kuß,
128
Die Gattin am Balkon.

129
Sie ruft ihm zu: „Halt, Gilpin, halt!
130
Wo willst Du hin? so sprich!
131
Die Kinder haben Hunger schon,
132
Und weinen bitterlich.

133
John Gilpin hört’s; in tiefem Schmerz
134
Fleht er den Braunen: steh!
135
Doch ach, der Braune hat kein Herz
136
Für eines Vaters Weh.

137
Zwei Meilen hinter Ingleton
138
Da liegt ein zierlich Haus,
139
John Gilpin’s Freund, der Appreteur
140
Zog Sommers da hinaus.

141
Der Braune machte oft den Weg,
142
Und wiehernd jetzt am Zaun,
143
Ruft er den Herrn, der aber will
144
Kaum seinen Augen traun.

145
„he, Gilpin, he! was ist geschehen?
146
Was kommt Ihr überhaupt?
147
Und wenn Ihr kommt, warum beschmutzt,
148
Barhäuptig und bestaubt?“

149
John Gilpin drauf: „was ich hier soll,
150
Das frage dieses Thier;
151
Wir ritten scharf, Perrück und Hut
152
Sind darum noch nicht hier.“

153
Laut lachte da der alte Freund,
154
Es war ein lust’ges Blut, —
155
Er nahm sich die Perrück vom Kopf,
156
Und sprach in frohem Muth:

157
„nimm hin! Du starrst von Staub und Schmutz,
158
Drum scheint sie noch zu klein,
159
Doch wasch’ nur erst die Kruste ab,
160
So wird sie passend sein.

161
John Gilpin nahm, und dankte viel,
162
Und sprach zum Pferde dann:
163
„he, Freund, ich hab’ für Dich gethan,
164
Was man nur thuen kann.

165
„du wolltest her zu Deinem Herrn,
166
Ich ehrte diesen Trieb,
167
Nun aber trag’ auch mich zurück
168
Zu meinem treuen Lieb.“

169
Er sprach es kaum, — da kreischte laut
170
Ein Esel hinterm Heck,
171
Und Roß und Reiter zitterte,
172
So packte sie der Schreck.

173
Wie wenn ein Löwe wo gebrüllt,
174
So griff der Renner aus; —
175
Auftauchte bald Klein-Ingleton,
176
Sammt seinem Kaffehaus.

177
Die Gattin harrte immer noch
178
Des Gatten am Balkon,
179
Jetzt sah sie ihn, und wandte sich
180
Zum Schwager Posiillon:

181
„sieh, diese halbe Kron ist Dein,
182
Mein wackerer Gesell,
183
Schaffst Du mir meinen Ehemann
184
Lebendig hier zur Stell.“

185
Der Postillon, der war nicht faul,
186
Auszog er auf den Fang,
187
Und hakte bald nach Mann und Roß,
188
Mit Zügel und mit Strang.

189
Dem Braunen aber däucht es schier
190
Als wie ein Peitschenhieb,
191
Er lief, daß selbst der Postillon
192
Im Hintertreffen blieb.

193
Sechs Reiter kamen just des Wegs,
194
Die sahen Gilpin's Flucht,
195
Und wie der Postillon umsonst
196
Ihn einzuholen sucht.

197
Sie jagten mit, und schrieen laut:
198
„halt’t ihn! ein Dieb! ein Dieb!“
199
John Gilpin aber, unverkürzt,
200
Des Tages Sieger blieb.

201
Und wie ein Jockey bester Art, —
202
Mit Weste, Stulp und Kapp, —
203
Erst wo er aufgestiegen war,
204
Da stieg er wieder ab.

205
Und nun zum Schluß: dem König Heil,
206
Und Heil! John Gilpin Dir,
207
Und setzst Du wieder Dich zu Roß,
208
So bitt’ ich, sag’ es mir.

(Fontane, Theodor: Gedichte. Berlin, 1851.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

Dieser Text könnte aus folgender Literaturepoche stammen:

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Theodor Fontane
(18191898)

* 30.12.1819 in Neuruppin, † 20.09.1898 in Berlin

männlich, geb. Fontane

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.