Chevy-Chase oder Die Jagd im Chevy-Forst. (Nach dem Alt-Englischen.)

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Theodor Fontane: Chevy-Chase oder Die Jagd im Chevy-Forst. (Nach dem Alt-Englischen.) (1851)

1
Gott schütz’ den König, unsren Herrn,
2
Und unser Aller Leben; — —
3
Im Chevy-Walde hat sich einst
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Wehvolle Jagd begeben. —

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Graf Percy von Northumberland,
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Vor Thaue noch und Tage
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Zog aus er heut, mit Hund und Horn,
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Daß er den Hirsch erjage.

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Er schwur es jüngst an heilger Stätt’,
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— Sorglos um Groll und Knirschen, —
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Er woll drei Sommertage lang
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Auf schottschem Boden pirschen.

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Er woll, was lebt im Chevy-Forst
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Mit Speer und Pfeil erlegen;
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„lord Douglas schütze, wenn er kann,
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Den Hirsch in den Gehegen!“

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Lord Douglas, der in Schottland lag,
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Als er das Wort vernommen,
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Dem Percy Grafen schwört er da
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Ein blutiges Willkommen;

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Der aber ist im Walde schon
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Mit fünfzehn hundert Mannen,
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Wohlausgesucht und wohlgeprobt
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Den Bogen straff zu spannen.

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Schon, von der Meute aufgeschreckt,
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Flieht, was die Schlucht geborgen;
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Ein Montag war’s, — noch halbe Nacht, —
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Es graute just im Morgen.

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Und eh’ der Mittag kam, da lag
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Haufweis das Wild erschlagen;
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Doch rastlos, nach gethanem Schmaus
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Begann ein neues Jagen.

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Auf’s Neu durch Schlucht und Dickicht hin
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Stob Huf und Hund nach Beute,
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Und neuer Angstschrei mischte sich
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Dem Lustgeheul der Meute.

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Graf Percy nur war satt des Spiels
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Mit Hirschen und mit Hinden,
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Er sprach: „Lord Douglas gab sein Wort,
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Hier soll ich heut ihn finden.

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„bei Gott, nicht länger harrt’ ich sein,
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Dächt’ ich, er könn’ es brechen“;
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Da thät alsbald ein Ritter jung
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Also zum Grafen sprechen:

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„schau Herr, dort blitzt es durch den Wald,
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Das ist er mit den Seinen;
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Schau, wie im Mittagssonnenglühn
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Die blanken Speere scheinen.

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„zweitausend sind’s vom Lauf des Tweed,
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Aus Thälern und aus Glennen,
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Und der vorauf ist Douglas selbst
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An Roß und Helm zu kennen.“

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„nun denn, wohlan!“ rief Percy da,
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„dies Feld sei unsre Schranke,
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Noch schlüpfte keiner mir hindurch,
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Sei’s Schotte oder Franke.

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„das ist der Hirsch, den ich gesucht,
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Nun lohnt es sich zu jagen,
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Es brennt mein Herz Mann gegen Mann
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Mit ihm die Schlacht zu schlagen.“

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Lord Douglas auf milchweißem Roß,
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Hält hoch vor den Genossen,
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Hell glänzt die Eisenrüstung, wie
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Von Golde übergossen;

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Er ruft: „wer seid ihr, die ihr’s wagt
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Mir Hirsch und Reh zu tödten,
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Und meines Wortes bar und blos
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Den Forst mit Blut zu röthen!“

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Drauf Percy schnell: „ein andermal
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Auf weß Geheiß wir jagen,
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Heut denken wir noch manchen Hirsch
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Trotz Deiner zu erschlagen.“

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Lord Douglas hört’s, er ruft in Wuth:
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„da soll mich Gott verderben!
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So wahr ein Lord ich bin, wie Du,
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Du oder ich muß sterben.

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„doch hör’ mich Percy, Schande wär’s
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Und Schimpf an unsrem Leben,
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So vieler Mannen schuldlos Blut
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Mit in den Kauf zu geben;

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„es sei all unser Streit gelegt
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In unsre beiden Speere!“
83
„verdammt sei der — rief Percy da —
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Der andren Sinnes wäre.“

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Da trat ein Rittersmann herfür,
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With’rington hieß der Degen,
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Der sprach: „hier müßig zuzuschaun
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Dran ist uns nicht gelegen.

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„wir wollen nicht, dieweil ihr kämpft,
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Hier Psalm und Lieder singen,
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Und unsrem König Heinrich dann
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So saubre Botschaft bringen.

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„wohl seid Ihr Lords und edle Herrn,
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Und wir nur Knapp und Ritter,
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Doch dächt’ ich traun, auch unser Schwert
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Macht Wunden wohl und Splitter!“

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Da thät alsbald all englisch Volk
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Den Eschenbogen biegen,
99
Und achtzig Schotten sanken hin
100
Von ihrer Pfeile Fliegen.

(Fontane, Theodor: Gedichte. Berlin, 1851.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Theodor Fontane
(18191898)

* 30.12.1819 in Neuruppin, † 20.09.1898 in Berlin

männlich, geb. Fontane

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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