2.

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Theodor Fontane: 2. (1851)

1
Noch eh’ die Sonn’ heraufgezogen,
2
Sind die Zigeuner ausgeflogen.
3
Als Kesselflicker, Rattenfänger,
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Hanswurst, Prophet und Bänkelsänger, —
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Der Eine rechts, der Andere links,
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Zog Alles in die Dörfer rings.
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Nur eine Alte, welk und braun,
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Und unerquicklich anzuschaun,
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Auf deren Antlitz, vielerfahren,
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Sich List und Herzensgüte paaren,
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Sucht noch, mit ihren gelben Händen,
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Schön-Sittah’s Anzug zu vollenden.
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Zwölf Jahre mocht’ die Kleine zählen,
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Und während das Zigeunerweib
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Sich eilt ihr schwarzes Haar zu strählen,
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Schwatzt sie zu Sittah’s Zeitvertreib:
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„die Flechte noch, — mein Herzenskind,
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Dann auf, in’s nächste Dorf, geschwind,
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Dort mach’, auf jedem Pachterhofe,
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Dich flugs an Tochter oder Zofe;
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Nimm, wenn sich keine Karte fand,
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Die Heirathslustge bei der Hand,
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Und sag ihr, noch in diesem Jahre,
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Führ’ sie der Liebste zum Altare.
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Kann sein, es leuchtet ihr nicht ein,
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Doch denkt sie drum, es
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Vor allen aber achte schlau,
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Ob eine junge Pachtersfrau
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Vielleicht um Kinder, im Gebet
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Seit lange schon vergeblich fleht, —
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Und Herzchen, hast du
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So sag der Aermsten, unumwunden,
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Daß eh’ der Kuckuk wiederkehre,
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Ein Kindlein ihr geboren wäre; —
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Sie mag dann sehn ihr Glück zu haschen, —
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Wir aber kriegen volle Taschen.“
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Die Alte spricht’s, die Kleine lauscht,
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Die letzte Flechte wird beendet,
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Und als sie Gruß und Kuß getauscht,
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Hat Sittah sich in’s Dorf gewendet.
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Ob sie der jungen Pachterfrau
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Ihr unfehlbares Schicksal lehrte, —
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Erfahren hat man’s nie genau;
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Doch als sie Abends heimwärts kehrte
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Und dicht an eines Abgrunds Rand,
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An dem der schmale Pfad sich wand,
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In heitrem Muth vorüberschritt, —
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Nahm sie ein volles Täschchen mit.
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Die Dornen hatten sie geritzt,
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Der weite Weg ihr Blut erhitzt,
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Sie hätt’ ’nen Tag von ihrem Leben
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Für wenig Wasser hingegeben.
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So eilt den Felsweg sie entlang;
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Da fordert schier, am Bergeshang,
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Ein Brombeerstrauch mit schwarzen Beeren,
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Sie gastlich auf doch einzukehren.
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Die Lust ist groß davon zu pflücken,
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Und abwärts gleitend auf dem Rücken,
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Labt sie sich mit des Durstes Gier, — —
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Da weicht der Boden unter ihr.
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Umsonst, daß sie mit beiden Händen,
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Selbst an des Felsens harten Wänden
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Sich krampfhaft anzuklammern sucht, —
64
Sie stürzt hinunter in die Schlucht.

(Fontane, Theodor: Gedichte. Berlin, 1851.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Theodor Fontane
(18191898)

* 30.12.1819 in Neuruppin, † 20.09.1898 in Berlin

männlich, geb. Fontane

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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