Cromwell’s letzte Nacht

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Theodor Fontane: Cromwell’s letzte Nacht (1851)

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Mir sagt’s nicht nur des Arztes ernste Miene,
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Selbst fühl’ ich’s, meine Stunden sind gezählt.

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Der tolle Traum, der mich vom Lager schreckte,
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Er war nicht Ausgeburt des heißen Hirns,
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Auch Stimme nicht des mahnenden Gewissens,
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Er war ein Ruf aus einer andren Welt
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Zum Hintritt vor den Richter mich zu rüsten.

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Ein toller Traum! wüßt ich, in nächster Nacht
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Wird dir der Schlaf ein gleiches Schreckniß
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So möchte diese Stunde noch der Tod
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Statt jenes Stuart an mein Lager treten.
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Ernst stand er vor mir; um den nackten Hals
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Trug, statt des Schmucks, er einen rothen Streifen,
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Und als er, wie vordem, zu leichtem Gruß
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Nach dem Barett auf seinem Haupte fasste,
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Nahm er den Kopf von seinem blutgen Rumpf,
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Mein Auge schloß sich; als ich’s scheu geöffnet
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Sah wieder ich den purpurfarbnen Streifen,
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Er winkte mit dem Finger mir, zu folgen,
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Und schwand dann, rückwärts schreitend, in der

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Was schreckt das Traumbild mich des todten
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Und weckt in mir den alten Aberglauben
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An eines Königs Unverletzlichkeit?
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Das Schwert des Henkers wär’ wie Glas zer-
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Wenn Gottes Will’ ihn unverletzlich schuf.
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Was ist die Unantastbarkeit des Königs?
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Nichts als ein Vorrecht, das die Zeit ihm leiht:
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Sein Urahn, ein Eroberer und Mörder
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Ist der Begründer all der Heiligkeit.
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Der kühne Normann, der bei Hastingsfield
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Den König Harald in den Staub geworfen,
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Was war er Bessres als der Cromwell heut,
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Der jenen Carl bei Marston-Moor geschlagen?

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Es soll nicht mehr sein blutig Haupt mich
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Es lebt in mir: ich war ein Gotteswerkzeug,
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Und auserwählt zu retten und zu strafen.
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Ich sah das Schiff, vom Sturm umhergeschlagen,
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Der Klippe nah, dran es zerschellen mußte:
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Ich sprang hinzu, von seinem Platze drängt ich
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Den schwachen Steurer, und mit sichrer Hand
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Lenkt ich das Schiff, als Lootse, in den Hafen.
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Es war noch immer, galt’s ein Volk zu retten,
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Das Recht des Stärkern nicht das schlechtste

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Daß ich mein Thun mit seinem Tod besiegelt,
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Es war Nothwendigkeit; er mußte sterben,
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Es war sein Blut der Mörtel meines Bau’s.

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Wenn in die Sendung, die an mich ergangen,
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Ich Selbstsucht, Stolz und Eitelkeit gemischt,
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So weißt Du Gott, der meine Nächte kennet,
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Wie für mein Unrecht bitter ich gebüßt.
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Mein Leben war das Leben des Tyrannen,
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Ob nimmer auch in Blut ich mich gebadet,
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Haß fand ich dort, wo festen Arms ich drückte,
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Und

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Erfüllt ist meine Sendung; Gott, ich wollte
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Des Mannes Blut wär nicht an meinen Händen!
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Hab’ ich gefehlt, sei mir ein gnädger Richter, —
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In Deine Hand befehl’ ich meinen Geist.

(Fontane, Theodor: Gedichte. Berlin, 1851.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Theodor Fontane
(18191898)

* 30.12.1819 in Neuruppin, † 20.09.1898 in Berlin

männlich, geb. Fontane

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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