Eines Vaters Wehklage. (Nach dem Englischen des John Prince. Ein Fabrikarbeiter in Manchester

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Theodor Fontane: Eines Vaters Wehklage. (Nach dem Englischen des John Prince. Ein Fabrikarbeiter in Manchester (1851)

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Hell schien der Mond, und seinen blassen Schimmer
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Ausweinend in mein kümmerliches Zimmer,
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Verlieh er drin viel silberfarbnen Duft
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Der schlummerstillen, träumerischen Luft.
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Da war’s, da klopfte, weh mir! an mein Fenster
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Das schrecklich räthselvollste der Gespenster,
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Da hat der Tod, ich war umsonst verschanzt,
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An meinem Herd sein Banner aufgepflanzt.

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O Trauertag! die letzte seiner Stunden
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Schlug meinem Herzen unheilbare Wunden:
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Der Blume gleich, die schon im Lenz geknickt,
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Hab ich in ihr mein sterbend Kind erblickt.
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Noch hielt ich zitternd es auf meinen Knien,
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Als es vom Tode schon gestempelt schien,
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Und als sein liebes, liebes Auge brach,
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Sein letzter Seufzer mir zum Herzen sprach,
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Entflohen war, still ohne Kampf, sein Geist,
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Da fühlt ich mich auf immerdar verwaist.

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Bald ward er, den gehegt ich und gepflegt,
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Sanft schlummernd in sein Erdenbett gelegt;
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Mitleidge Seelen schlossen einen Kreis,
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Still betend standen sie, und weinten leis.
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Der Pfarrer sprach; ich aber hörte nur
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Den
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„wirst deinen Liebling hier nicht wiedersehn!
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Bald ist der Liebe letzter Dienst geschehn.“
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Dann schlich, oft rückwärts schauend, ich von
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Im Weltgewühl den Schmerz zu übermannen.

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Ja, du mein Trost und deiner Mutter Stolz,
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Die, wenn du krank, in Thränen schon zerschmolz,
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Du bist dahin! doch ward dir eine Welt,
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Wo man der Tugend keine Netze stellt.
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Du darfst im Licht und in der Wahrheit sein,
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Derweil ich hier gefangen und allein,
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Allein! der Barke gleich, auf offnen Meeren,
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Wenn sich die Elemente rings empören;
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Allein! ein Harfenspiel, das halb zertrümmert,
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Nur fürder noch in Klagetönen wimmert.

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Ich traure heimlich: würde sonst ja mehren
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Die Qualen, die an deiner Mutter zehren,
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Den tiefen Schmerz, um den sie seufzt und weint,
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Der ausgeprägt in jedem Zug erscheint.
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Oft am Kamine sitzen wir zusammen,
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Und schauen, dein gedenkend, in die Flammen,
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Und sprechen von der Wangenröthe — ach!
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Die langes Leben lügnerisch versprach.
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Wir denken jedes Blicks und Wortes dann,
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Das, zu dem Herzen sprechend, dir’s gewann,
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Und schaun die Schätze an, die schon seit Jahren
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Die Quelle deiner Kinderfreude waren,
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Und die wir hüten nun, dem Geizhals gleich,
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(dein Kleid, dein Spielzeug macht uns überreich!)
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Bis wenn sie leichter wird die Herzenslast,
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Zur Ruh wir gehen, oder doch — zur Rast.

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Zu küssen früh dein schlummernd Augenpaar,
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Zu herzen dich, wenn heimgekehrt ich war,
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Beim Spiele zu hören dich, dein herzlich Lachen,
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Und Sonntags deine Schritte zu bewachen, —
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s’ war schön! schön wenn du kindlich mir entdeckt
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Auf meinem Schooß, was dich erfreut, erschreckt;
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Wenn ich die Dämmrung der Gedanken klärte,
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Und dich die Macht der Wissenschaften lehrte.
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Das war mein Wunsch: dein kindlich frommes
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Die reine Seele rein dir zu erhalten,
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Zu leiten deine Schritte, bis die Tugend
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Dich wahre vor dem Flattersinn der Jugend,
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Und
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Wollt’ ich in’s Weltgewühl hinaus dich schicken.
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Dann wollt’ ich sterben; und zum Vatersegen
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Im Todeskampf die Lippen noch bewegen,
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Fest überzeugt, du werdest einst erscheinen
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An deines Vaters schlichtem Grab zu weinen.

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So war mein Wunsch; doch wollte Gott mir
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Wie wenig Weisheit unsrem Wissen eigen;
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So war mein Wunsch; doch anders war Sein Sinn,
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Und fühlen muß ich, wie so klein ich bin.
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Was klag ich auch! Gott rief dich aus dem Leben
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Des Himmels ewge Freuden dir zu geben;
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Hier aber sei mit nimmermüder Hand
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Dem Schwesterlein
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Die — säßest du noch auf des Vaters Knien —
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Für dich mein Sohn wie aufbewahrt erschien’.

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Die
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Daß wenn dereinst die Erdenhülle fällt,
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Wenn Gott mich ruft, auch mich, vor seinen Thron,
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Ich wiederfinde meinen Herzenssohn.

(Fontane, Theodor: Gedichte. Berlin, 1851.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Theodor Fontane
(18191898)

* 30.12.1819 in Neuruppin, † 20.09.1898 in Berlin

männlich, geb. Fontane

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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