Das Bristol-Trauerspiel oder Charles Bawdin’s Tod . (Nach Thomas Chatterton.)

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Theodor Fontane: Das Bristol-Trauerspiel oder Charles Bawdin’s Tod . (Nach Thomas Chatterton.) (1851)

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Aufdämmert der Tag, der Hahn kräht hell,
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Blaß schimmert des Mondes Horn,
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Und im Morgenrothe der Tropfen Thau
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Glitzert am Hagedorn.

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König Edward aber nicht Hahnenschrei
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Rief ihn vom Schlummer wach;
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Drei Raben weckten ihn mit Gekreisch
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Oben am Wetterdach.

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Und der König fuhr auf: „beim ewigen Gott,
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Ich versteh’ euer Mahnen und Schrein;
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Charles Bawdin, der soll sterben heut
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Und eure Speise sein!“

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Der König rief’s; eine Kanne Wein
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Leert’ er bis auf den Grund;
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Ritter Canning stand zu Seiten ihm, —
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Dem war das Herze wund.

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Und Canning sprach: „mein König und Herr
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Vergieße nicht Bawdin’s Blut,
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Was immer er dir Böses that,
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Ihm galt es brav und gut.

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„dem Lankasterkönig hat er gedient
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Offen und sonder Scheu,
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O Herr, an Deinem Feinde auch
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Ehre Muth und Treu.“

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Er sprach’s. Noch schwieg der Ritter kaum,
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Da zürnet der König und schnaubt:
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„eh Sternenschein auf die Erde fällt,
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Fällt heut Charles Bawdin’s Haupt.

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„er war ein Verräther, er hat seine Hand
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In’s Blut der Yorks getaucht,
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Nicht eher hab’ ich Rast noch Ruh
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Bis seines gen Himmel raucht!“

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Drauf Canning ernst: „nur Gnade Herr
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Machet des Siegs Dich werth;
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Den Oelzweig und die Palme nimm
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Nicht aber das Racheschwert.

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„gedenk, wir Menschen allzumal
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Sind nur an Sünde groß,
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Ein Einziger auf Sankt Petri Stuhl
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Ist schuld- und fleckenlos.

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„vergieb! das festiget Dir auf’s Haupt
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Die kaum gewonnene Kron’,
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Und trägt Dein Scepter fort und fort
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Auf Enkel und Enkelsohn;

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„doch willst in Haß, mit blutigem Thau
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Bespritzen Du Dein Kleid,
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So reißen finstre Mächte Dir
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Vom Haupte das Goldgeschmeid.“

49
Der König hört’s. „Fort, Canning, fort!
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So lange Charles Bawdin lebt
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Will dürsten ich, und ob am Gaum
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Mir auch die Zunge klebt.

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Die Sonne, die da drüben steigt
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Soll seine letzte sein!“
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Der König schwieg, in Cannings Bart
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Rann eine Thrän’ hinein.

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Und durch die Gassen, trüben Sinn’s,
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Alsbald der Ritter schlich;
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In Bawdin’s Kerker trat er ein,
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Und weinte bitterlich.

61
Der sah des Alten Herzeleid;
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Er trat an ihn heran:
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„zu sterben, Freund, ist Menschenloos,
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Was thut es „wie“ und „wann“!

65
„mir war das Schicksal dieses Tags
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Von Anbeginn bestimmt;
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Demüthig trägt ein Christenherz
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Was Gott ihm schickt und nimmt.

69
„mir ist der Tod Erlösung nur
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Von Allem, was ich litt; —
71
Was hast Du, daß in’s Auge Dir
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Die Mannesthräne tritt?!“

73
Sprach Canning: „wohl um Deinen Tod
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Hab ich der Thränen viel,
75
Doch denk ich an Dein Weib und Kind
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Find ich nicht Maaß nicht Ziel.“

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„dann trockne Dir die Thränen schnell“, —
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Klang Bawdin’s Stimme da —
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„der Wittwen und der Waisen Gott
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Ist auch den meinen nah.

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„mich mag er meucheln der Tyrann,
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Der frech sich König nennt;
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Doch weiß ich, daß ihn Gottes Hand
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Von meinen Kindern trennt.

85
„und, Canning, ohne Bangen traun
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Thu’ ich den letzten Gang;
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Hab ja dem Tod in’s Aug’ gesehn
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Ein halbes Leben lang.

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„wie oft, wenn guten Schwertes Hieb
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Hell durch die Lüfte pfiff,
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Und blindlings in die Schlacht hinein
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Der Tod nach Beute griff, —

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„wie oft dann sah er wild mich an!
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Ich starrt ihm in’s Gesicht;
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Er hob die Hand zum Speereswurf, —
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Galt mir’s? ich wußt es nicht.

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„und nun, wegwerfen sollt’ ich selbst
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Des Mannes beste Zier?
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Im Leben Muth, im Tode Muth
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Das, Canning, schuld ich mir.

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„und schuld es meinem Vater auch; —
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Der war ein Ritter gut:
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Rein war sein altes Wappenschild,
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Und rein sein altes Blut.

105
„gesetz und Recht, die hielt er fest
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Im Wirrsal der Parthein;
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Die schwere Kunst war seine Kunst:
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Gerecht und mild zu sein.

109
„so war sein Haus: ein offnes Thor,
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Und offner Tisch dazu;
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Dem Bettler bot er Speis’ und Trank,
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Dem Pilger Rast und Ruh.

113
„an seines Namens blanker Ehr’
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Hat Schande nie geklebt,
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Und seiner fleckenlosen Treu
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Der hab ich nachgestrebt.

117
„mir lebt ein Weib, ich hab ihr Bett
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Treubrüchig nie entehrt, —
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Nie auch von Heinrich’s heil’gem Recht
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Mich treulos abgekehrt.

121
„drum geh in Ruh ich diesen Gang,
122
Und, Canning, sterbe gern;
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Mein Auge wird den Tod nicht sehn
124
Des Königs meines Herrn.“

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Charles Bawdin schwieg; — da klang’s herauf
126
Wie Rossesstampfen schon,
127
Die rost’gen Angeln drehten sich
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Und gaben schrillen Ton.

129
Hell in des Kerkers offne Thür
130
Drang jungen Tages Schein,
131
Und mit dem Licht des Morgens trat
132
Ein weinend Weib herein.

133
Charles Bawdin’s Weib. Der Ritter sprach:
134
„laß sterben mich in Ruh,
135
Und wende nicht die Seele mein
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Dem Irdschen wieder zu.

137
„laß ab! Die Thrän’ in Deinem Aug’
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Macht mir das Herze weich,
139
Und wäscht dem frischen Muth in mir
140
Die Wange wieder bleich.“

141
Er sprach’s und schwieg. Das blasse Weib
142
Sah starr ihm in’s Gesicht,
143
Ihr Ohr vernahm die Worte wohl
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Und hörte doch sie nicht.

145
Dann rief sie, daß ihr Schmerzensschrei
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Ihm in die Seele schnitt:
147
„das Beil, das Deinen Nacken trifft,
148
O träf es doch mich mit!“

149
Hin sank sie; Bawdin küsste leis
150
Auf Stirne sie und Wang;
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Dann sprach er: „Schließer, nimm mich hin
152
Auf meinem letzten Gang!“

153
Er trat hinaus; da stand der Karrn
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Der sonst nur Schächer trug,
155
Und alsobald zum Richtplatz hin
156
Bewegte sich der Zug.

157
Der Zug war so: der Richter vorn
158
In seines Amts Geschmeid,
159
Hell glitzerte das Quastengold
160
An seinem Scharlachkleid.

161
Zwölf Augustiner kamen dann
162
In härenem Gewand,
163
Mit Rosenkranz und Geißelstrick
164
In recht- und linker Hand.

165
Bußpsalme sangen finster sie
166
In mächtgen Melodien,
167
Und nieder schrillte Glöcklein Klang
168
Vom Thurme Sankt Marien.

169
Den Mönchen folgte, festen Schritts
170
Ein Bogenschützen-Hauf:
171
Die Sennen waren all gespannt,
172
Die Pfeile lagen auf.

173
Wohl mocht ein Rest lankastrisch Volk
174
Den Ritter noch befrein,
175
Es durfte Bawdin’s letzter Gang
176
Der seiner Feinde sein.

177
Dann kam er selbst: zwei Rappen vorn
178
In weißer Decken Putz,
179
Auf ihren Köpfen wiegte sich
180
Ein schwarzer Federstutz.

181
Und wieder dann kam festen Schritts
182
Ein Bogenschützen-Hauf:
183
Die Sennen waren all gespannt,
184
Die Pfeile lagen auf.

185
Zwölf Augustiner wieder dann
186
Mit Psalmesmelodien, —
187
Und immer noch scholl Glöcklein Klang
188
Vom Thurme Sankt Marien.

189
Den Schluß, den machte straßenbreit
190
Des Volkes dicht Gedräng:
191
Von Dach und Fenster folgte man
192
Dem traurigen Gepräng.

193
Und jetzt an Christi Kreuz vorbei
194
Bewegte sich der Zug,
195
Hernieder schaute still das Lamm,
196
Das unsre Sünden trug.

197
Und Bawdin betete und sprach:
198
„erbarm, o Herr, Dich mein,
199
Und wasch auch meine Seele heut
200
Von ihren Flecken rein!“

201
Er sprach’s. Der König aber stund
202
An Schlosses Fenster schon,
203
In seinem Antlitz paarte sich
204
Die Rache und der Hohn.

205
Charles Bawdin sah’s; in seinem Karrn
206
Hob er sich stolz empor,
207
Und donnerte mit fester Stimm
208
An König Edwards Ohr:

209
„verräther, der Du bleibst und bist,
210
Schau nur in Hohn mir zu,
211
Wie klein mich Deine Rache macht
212
Bin größer doch als Du.

213
„durch Mord und jede faule That
214
Trägst Du die Krone Dein,
215
Doch klebtest Du mit Blut sie fest
216
Wird doch nie Deine sein.

(Fontane, Theodor: Gedichte. Berlin, 1851.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Theodor Fontane
(18191898)

* 30.12.1819 in Neuruppin, † 20.09.1898 in Berlin

männlich, geb. Fontane

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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