Episteln

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Justinus Kerner: Episteln (1826)

1
Liebes Mädchen! sahst du nicht wie gestern
2
Ich auf hohem Berge lang gelegen,
3
Blickend auf das weiße Kreutz im Thale,
4
Das die Flügel deines Fensters bilden?

5
Glaubt' ich schon, du kämst durch's Thal gewandelt,
6
Sprang ich auf, da war's ein weißes Blümlein,
7
Das sich täuschend mir vor's Auge stellte.

8
Lange harrt' ich, aber endlich breiten
9
Auseinander sich des Fensters Flügel,
10
Und an seinem weißen Kreutze stehst du,
11
Berg und Thal ein stiller Friedensengel.

12
Vöglein ziehen nah' an dir vorüber,
13
Täublein sitzen auf dem nahen Dache,
14
Kommt der Mond, und kommen alle Sterne,
15
Blicken all' dir keck in's blaue Auge.

16
Steh' ich einsam, einsam in der Ferne,
17
Habe keine Flügel hinzufliegen,
18
Habe keine Strahlen hinzusenden,
19
Steh' ich einsam, einsam in der Ferne!

20
Gehst du, sprech' ich mit verhaltnen Thränen:
21
Ruhet süß, ihr lieben, lieben Augen!
22
Ruhet süß, ihr weißen, weißen Lilgen!
23
Ruhet süß, ihr lieben, lieben Hände!

24
Sprachen's nach die Sterne an dem Himmel,
25
Sprachen's nach die Blumen in dem Thale.
26
Weh! o weh! du hast es nicht vernommen!

27
Sage mir mein liebes Mädchen:
28
Was bedeudet dieser Traum?

29
Steht vor'm Fenster meiner Zelle
30
Halbverblüht ein Rosmarin.
31
Träumte mir: es sey aus ihm heut
32
Schnell ein Rosenstock gesprossen,
33
Voll der düftereichsten Rosen,
34
Hätt' sich auch ein Lorbeer grünend
35
Um den Rosenstock gewunden.

36
„rosmarin ist Wehmuth, Trennung,
37
Rosen deuten Lieb' und Freude,
38
Lorbeer deutet Ruhm und Sieg.“

39
Darum fülle, blaues Auge!
40
Dich fortan nicht mehr mit Thränen,
41
Lass' allein mein dunkles Auge
42
Still umwölkt in Thränen steh'n.

43
Darum blicke, blaues Auge!
44
Nimmer trübe an den Himmel,
45
Sieh! sonst blickt er wieder trüb.

46
Und wohin kann ich noch schauen,
47
Als gen Himmel, wenn ich nimmer
48
In dein Auge schauen kann?

49
Blick aus deinem Fenster, Liebe!
50
Schaue über die blauen Berge:
51
Denn dort will ich an den Himmel
52
Dir ein licht' Gemälde malen.

53
Steigen aus der Näh' und Ferne
54
Hohe Berge an den Himmel,
55
Stürzen helle, kühle Quellen
56
In ein blumigt, grünes Thal.

57
Stüzt der Wanderer im Thale
58
Auf den Stab sich, einzuathmen
59
Jugend, Freiheit, Liebe, Kraft.

60
Steht gelehnt an einen Felsen,
61
Unter Laub und Rebenblüthe
62
Dort ein kleines Haus verborgen,
63
Steh' ich vor dem kleinen Haus.

64
Kommt vom Bache, Kräuter tragend,
65
Dort ein liebes, junges Wesen,
66
Bist du es — die Meine längst.

67
Ist kein Lauscher mehr zu fürchten,
68
Drück' ich dich, du süßes Wesen!
69
An ein treues Herz voll Liebe,
70
Offen vor des Himmels Aug'.

71
Aber weh! o wehe Mädchen!
72
Siehst du dort nicht jenen Raben?
73
Aechzend fliegt er durch den Himmel,
74
Und verlöscht mit schwarzem Fittig
75
Mein Gemälde, weh! o weh!

76
Bin ich wie ein Kind, das seine Mutter
77
Erst verloren, weinend in der Nacht steht:
78
Sieh! so bin ich seit ich fern gezogen.

79
Stund im Traum' ich heut' auf unsrem Berge,
80
Blick' ich in das tiefe Thal hernieder.
81
Such' dein Haus ich, aber find' es nimmer.

82
Seh' ich eine einsame Kapelle
83
Auf der Stelle, wo's gestanden, stehen,
84
Tret' ich in die heilige Kapelle.

85
Hallet lange jeder meiner Tritte
86
Im verlassenen Gewölbe wieder;
87
Blicken ernst und fragend mich die heil'gen
88
Bilder an von den geweihten Wänden.

89
Tret' ich vor den Hochaltar, zu beten.
90
Knieest du in einem weißen Kleide
91
Bleich auf schwarzem Teppich vor'm Altare,
92
Lilien und Tulpen um dich her.

93
Steht der Rosenstock zu deinen Füßen,
94
Blüthenreich vom Lorbeer schön umwunden,
95
Kehr' ich nie aus der Kapelle wieder.

96
Nicht im Thale der süßen Heimat,
97
Beym Gemurmel der Silberquelle —
98
Bleich getragen aus dem Schlachtfeld
99
Denk' ich dein, du süßes Leben!

100
All' die Freunde sind gefallen,
101
Sollt' ich weilen hier der eine?
102
Nein! schon naht der bleiche Bote,
103
Der mich leitet zur süßen Heimat.

104
Flecht' in's Haar den Kranz der Hochzeit,
105
Halt bereit die Brautgewande
106
Und die wollen, duft'gen Schaalen:
107
Denn wir kehren alle wieder
108
In das Thal der süßen Heimath.

109
Komm', Bräut'gam! kommt, ihr Gäste!
110
Schon steht im Hochzeitkleid
111
Die bleiche Braut bereit,
112
Erwartend euch zum Feste.

113
Herbey! herbey! zum Tanz
114
Die bleiche Braut zu führen, —
115
Seht! ihre Haare zieren
116
So Ros' als Lilienkranz.

117
So Mond und Sterne kränzen
118
Lichtvoll das dunkle Thal,
119
Lampen im Hochzeitsaal,
120
Die Leichensteine glänzen.

121
Und weil nach Tanz und Lauf
122
Der Ruh wir nöthig hätten, —
123
Schloß ich zu Schlummerstätten
124
Die stillen Gräber auf.

125
Seht! eure Betzte kränzet
126
Der Rosen stolze Art,
127
Doch eine Lilie zart
128
Am Bett' der Braut erglänzet.

129
Die Hochzeit ist bereit,
130
Komm', Bräut'gam! kommt, ihr Gäste
131
Es öffnen sich zum Feste
132
Die schwarzen Thore weit!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Justinus Kerner
(17861862)

* 18.09.1786 in Ludwigsburg, † 21.02.1862 in Weinsberg

männlich, geb. Kerner

deutscher Dichter, Arzt und medizinischer Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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