Der Geiger zu Gmünd

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Justinus Kerner: Der Geiger zu Gmünd (1826)

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Einst ein Kirchlein sonder gleichen,
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Noch ein Stein von ihm steht da,
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Baute Gmünd der sangesreichen
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Heiligen Cäcilia,

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Lilien von Silber glänzten
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Ob der Heil'gen mondenklar,
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Hell wie Morgenroth bekränzten
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Goldne Rosen den Altar.

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Schuh' aus reinem Gold geschlagen,
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Und von Silber hell ein Kleid
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Hat die Heilige getragen:
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Denn da war's noch gute Zeit:

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Zeit, wo überm fernen Meere,
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Nicht nur in der Heimat Land,
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Man der Gmünd'schen Künstler Ehre
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Hell in Gold und Silber fand.

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Und der fremden Pilger wallten
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Zu Cäcilias Kirchlein viel;
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Ungeseh'n woher, erschallten
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Drin Gesang und Orgelspiel.

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Einst ein Geiger kam gegangen,
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Ach, den drückte große Noth,
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Matte Beine, bleiche Wangen,
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Und im Sack kein Geld, kein Brod!

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Vor dem Bild hat er gesungen
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Und gespielet all sein Leid,
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Hat der Heil'gen Herz durchdrungen:
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Horch! melodisch rauscht ihr Kleid!

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Lächelnd bückt das Bild sich nieder
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Aus der lebenlosen Ruh,
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Wirft dem armen Sohn der Lieder
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Hin den rechten goldnen Schuh.

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Nach des nächsten Goldschmids Hause
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Eilt er, ganz vom Glück berauscht,
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Singt und träumt von besten Schmause,
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Wenn der Schuh um Geld vertauscht.

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Aber kaum den Schuh ersehen,
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Führt der Goldschmidt rauhen Ton,
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Und zum Richter wird mit Schmähen
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Wild geschleppt des Liedes Sohn.

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Bald ist der Proceß geschlichtet,
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Allen ist es offenbar,
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Daß das Wunder nur erdichtet,
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Er der frechste Räuber war.

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Weh! du armer Sohn der Lieder,
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Sangest wohl den lezten Sang!
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An dem Galgen auf und nieder
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Sollst, ein Vogel, fliegen bang.

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Hell ein Glöcklein hört man schallen,
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Und man sieht den schwarzen Zug
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Mit dir zu der Stätte wallen,
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Wo beginnen soll dein Flug.

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Bußgesänge hört man singen
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Nonnen und der Mönche Chor,
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Aber hell auch hört man dringen
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Geigentöne draus hervor.

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Seine Geige mit zu führen,
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War des Geigers letzte Bitt'.
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„wo so viele musiciren,
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Musicir' ich Geiger mit!“

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An Cäcilias Kapelle
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Jetzt der Zug vorüber kam,
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Nach des offnen Kirchleins Schwelle
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Geigt er recht in tiefem Gram.

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Und wer kurz ihn noch gehasset,
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Seufzt: „Das arme Geigerlein!“
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„„Eins noch, bitt' ich — singt er — lasset
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Mich zur Heilgen noch hinein!““

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Man gewährt ihm, vor dem Bilde
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Geigt er abermals sein Leid,
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Und er rührt die Himmlischmilde,
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Horch! melodisch rauscht ihr Kleid!

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Lächelnd bückt das Bild sich nieder
74
Aus der lebenlosen Ruh,
75
Wirft dem armen Sohn der Lieder
76
Hin den zweyten goldnen Schuh.

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Voll Erstaunen steht die Menge,
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Und es sieht nun jeder Christ,
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Wie der Mann der Volksgesänge
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Selbst den Heil'gen theuer ist.

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Schön geschmückt mit Bändern, Kränzen,
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Wohl gestärkt mit Geld und Wein,
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Führen sie zu Sang und Tänzen
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In das Rathhaus ihn hinein.

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Alle Unbill wird vergessen,
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Schön zum Fest erhellt das Haus,
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Und der Geiger ist gesessen
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Obenan beym lust'gen Schmaus.

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Aber als sie voll vom Weine,
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Nimmt er seine Schuh zur Hand,
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Wandert so im Mondenscheine
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Lustig in ein andres Land.

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Seitdem wird zu Gmünd empfangen
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Liebreich jedes Geigerlein,
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Kommt es noch so arm gegangen —
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Und es muß getanzet seyn.

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Drum auch hört man Geigen, singen,
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Tanzen dort ohn' Unterlaß,
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Und wem alle Saiten springen
100
Klingt noch mit dem leeren Glas.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Justinus Kerner
(17861862)

* 18.09.1786 in Ludwigsburg, † 21.02.1862 in Weinsberg

männlich, geb. Kerner

deutscher Dichter, Arzt und medizinischer Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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