Kaiser Rudolfs Ritt zum Grabe

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Justinus Kerner: Kaiser Rudolfs Ritt zum Grabe (1826)

1
Auf der Burg zu Germersheim,
2
Stark am Geist, am Leibe schwach,
3
Sitzt der greise Kaiser Rudolf
4
Spielend das gewohnte Schach.

5
Und er spricht: „ihr guten Meister!
6
Aerzte! sagt mir ohne Zagen:
7
Wann aus dem zerbrochenen Leib
8
Wird der Geist zu Gott getragen?“

9
Und die Meister sprechen: „Herr!
10
Wohl noch heut erscheint die Stunde.“
11
Freundlich lächelnd spricht der Greis:
12
„meister! Dank für diese Kunde!“

13
„auf nach Speyer! auf nach Speyer!“
14
Ruft er, als das Spiel geendet,
15
„wo so mancher deutsche Held
16
„liegt begraben, sey's vollendet!

17
„blast die Hörner! bringt das Roß,
18
Das mich oft zur Schlacht getragen!“
19
Zaudernd stehn die Diener all',
20
Doch er ruft: „folgt ohne Zagen!“

21
Und das Schlachtroß wird gebracht.
22
„nicht zum Kampf, zum ew'gen Frieden,
23
Spricht er, „trage, treuer Freund!
24
„jezt den Herrn, den Lebensmüden!“

25
Weinend steht der Diener Schaar,
26
Als der Greis auf hohem Rosse,
27
Rechts und links ein Kapellan,
28
Zieht halb Leich' aus seinem Schlosse.

29
Traurend neigt des Schlosses Lind'
30
Vor ihm ihre Aeste nieder,
31
Vögel, die in ihrer Hut,
32
Singen wehmuthsvolle Lieder.

33
Mancher eilt des Wegs daher,
34
Der gehört die bange Sage,
35
Sieht des Helden sterbend Bild
36
Und bricht aus in laute Klage.

37
Aber nur von Himmelslust
38
Spricht der Greis mit jenen Zweyen,
39
Lächelnd blickt sein Angesicht
40
Als ritt er zur Lust in Mayen.

41
Von dem hohen Dom zu Speyer
42
Hört man dumpf die Glocken schallen.
43
Ritter, Bürger, zarte Fraun,
44
Weinend ihm entgegen wallen.

45
In den hohen Kaisersaal
46
Ist er rasch noch eingetreten;
47
Sitzend dort auf goldnem Stuhl
48
Hört man für das Volk ihn beten.

49
Reichet mir den heil'gen Leib!
50
Spricht er dann mit bleichem Munde,
51
Drauf verjüngt sich sein Gesicht,
52
Um die mitternächt'ge Stunde.

53
Da auf einmal wird der Saal
54
Hell von überird'schem Lichte,
55
Und verschieden sitzt der Held,
56
Himmelsruh im Angesichte.

57
Glocken dürfen's nicht verkünden,
58
Boten nicht zur Leiche bieten,
59
Alle Herzen längs des Rheins
60
Fühlen, daß der Held verschieden.

61
Nach dem Dome strömt das Volk
62
Schwarz unzähligen Gewimmels.
63
Der empfieng des Helden Leib,
64
Seinen Geist, der Dom des Himmels.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Justinus Kerner
(17861862)

* 18.09.1786 in Ludwigsburg, † 21.02.1862 in Weinsberg

männlich, geb. Kerner

deutscher Dichter, Arzt und medizinischer Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.