Nach Katharinas Tod

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Justinus Kerner: Nach Katharinas Tod (1826)

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O seel'ge Herrin! Stern aus Norden,
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Der sich einst mild zu uns gewandt,
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Du, die zum Liebesstern geworden
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Dem hoffenden, dem armen Land,

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Bist schon verschwunden, kaum gekommen,
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Ein Morgen über Thal und Höh'n,
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Und Deine Saat, des Lichts benommen,
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Muß nun im Keime traurend steh'n.

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Wie liegt es bang auf jedem Herzen!
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Wie thun es tausend Thränen kund!
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Und wer da spricht, der spricht von Schmerzen,
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Und, wie sein Innres tödtlich wund.

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Wohl manchem ist's, als könnt' er scheiden
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Fortan mit Lust von Herd und Haus,
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Als löschten mit Dir alle Freuden,
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Jedwedes Licht auf einmal aus.

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Ihr Glocken mit geweihtem Schalle!
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Ruft durch die traurend stille Luft:
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„ihr Arme! kniet und betet alle!
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„hörts! eure Mutter deckt die Gruft!“

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„ihr Reiche hörts! nun ist verschwunden
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„sie, euer Stolz, Sie, aller Hort!
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„kniet! schwört: das Band, das Sie gebunden,
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„ein Heiligthum zu binden fort.“

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Wie Well' an Well', schlag Zähr' an Zähre;
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Wehlaut! fahr über Land und Meer,
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Ruf aus: „Ihr Länder und ihre Meere!
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O trauret all'! Sie ist nicht mehr!“

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Wie jubelt's laut in Sternenhallen!
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Wie flammt in Lust des Himmels Zelt!
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Bei uns, wie ist es öd, zerfallen!
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Wie ohne Heimat jezt die Welt!

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Aufflog Sie nun zur ew'gen Sternenhalle,
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Dahin, woher Sie segnend einst gekommen,
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Wir aber steh'n, erkrankt in Thränen alle,
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Kein Trost, kein Heilkraut kann uns Armen frommen.

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Doch wie wir steh'n, so jedes Trosts benommen,
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Ertönt's zu uns mit himmlisch süßem Schalle!
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„schaut himmelan! ich bin euch ja geblieben!
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„ein Schutzgeist schwe'b ich waltend ob euch Lieben.“

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Nun ist Sie erst um uns und bey uns allen,
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Von keinem mehr getrennt durch Thal und Höhen;
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Wo Seufzer stöhnen, heiße Thränen fallen,
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Verlaßne Arme still zum Himmel flehen,

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Da wird man hören oft ein leises Wallen,
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Wird ungehoffte Hülfe staunend sehen.
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Dann fraget nicht: woher ist das gekommen?
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Es kam von ihr, dem Schutzgeist aller Frommen.

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Die Glocken haben ausgeklungen,
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Die schwarzen Kleider zog man aus,
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Und Blum' und Blüthe ist gedrungen
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Glanzreich an's Licht aus dunklem Haus.

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Mag noch so bunt die Aue prangen,
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Steht paradiesisch Feld und Hain,
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Der Schmerz, daß Sie von uns gegangen,
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Der dringt in's Herz durch Blüthen ein.

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Doch ist's, als käm von
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Der Blüthenhimmel reich und klar,
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Wie
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Die Heilige im Leidensjahr.

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Doch ist's, als flöß, was noch von Segen
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Des Himmels fühlt dieß arme Land:
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Mondlicht und Sonnenschein und Regen
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Herab aus

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Was Menschen thun kann nimmer frommen,
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Uns retten Gottes Engel nur;
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Nie wird ein Hungerjahr mehr kommen, —
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Sie schwebt ein Schutzgeist ob der Flur.

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Als Sie noch bey euch gewandelt,
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Spracht ihr manches schiefe Wort,
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Ruhig doch hat sie gehandelt,
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Und gesegnet immerfort.

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Jezt die Heilige verschwunden,
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Hebt's euch aus dem Schlaf empor,
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Und ihr fühlt in tausend Wunden,
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Was die Welt an ihr verlor.

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Drum bey solchem Loos auf Erden
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Zürnt nicht, wann die Muse ruft:
79
Muß man, um geliebt zu werden,
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Liegen erst in Sarg und Gruft?

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Justinus Kerner
(17861862)

* 18.09.1786 in Ludwigsburg, † 21.02.1862 in Weinsberg

männlich, geb. Kerner

deutscher Dichter, Arzt und medizinischer Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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