Graf Olbertus von Calw

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Justinus Kerner: Graf Olbertus von Calw (1826)

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Bey hellem Vogellied
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Was sollen Saitenklänge?
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Was Sagen und Gesänge,
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Wann bunt die Blume blüht?

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Nur wann die Aue leer
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Und stumm in Wintertagen,
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Da kann man füglich sagen
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Und singen bunte Mähr'. —

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Bey Calw, in jenen Gau'n,
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Die Würtemberg man nennet,
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Wo man viel Sagen kennet
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Von Rittern und von Frau'n,

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Da liegt in Waldes Schooß
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Ein alter Bau verstecket,
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Jahrhunderte bedecket
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Von Epheu und von Moos.

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Der Wind durchrauscht den Saal,
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Gleich klagendem Gewimmer,
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Wo einst in goldnem Schimmer
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Klang Laute und Pokal;

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Wo einst in üpp'ger Pracht
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Olbertus Frau gelebet,
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Nach Weltlust nur gestrebet,
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Niemals an Gott gedacht,

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Olbertus aber trüb
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Und still gelebt in Schmerzen,
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Dem Gott geweihten Herzen
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Stets fremd die Uepp'ge blieb.

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Ich scheide, sprach er, Weib!
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Leb wohl und sey mein Erbe!
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Ich scheid', eh' ich verderbe
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Allhier an Seel' und Leib!

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Will seh'n, wie Armuth thut;
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Reichthum hab' ich genossen.
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Leb' wohl! Dir zum Genossen
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Verbleibt der leichte Muth!

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Und fröhlich legt vom Leib
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Er sein Gewand von Seide,
39
Und zieht im Linnenkleide,
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Ein Bettler von dem Weib.

41
Ihr Ring nur hält ihm fest
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Am Finger, eng gespannet,
43
Bleibt, wie ins Fleisch gebannet,
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So sehr er zieht und preßt.

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Es brennt, wie Höllenglut,
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Das eitle Pfand der Bösen.
47
O! möcht's vom Finger lösen
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Mir bald ein Engel gut!

49
Er wallt in's Schweizerland,
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Treibt dort als Hirt die Heerde,
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Und schläft auf harter Erde,
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Und trinkt aus hohler Hand,

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Und kniet auf blum'ger Au
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Am Kreutze manche Stunden.
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Sein Fleisch das ist geschwunden,
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Sein Bart ist lang und grau.

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Im späten Abendroth,
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Die Sage singt's, bei Schaafen
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Da find't den frommen Grafen
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Ein irrer Ritter todt.

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Ein Glanz sein Haupt umfließt,
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Licht, liegt er, wie verkläret,
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Vom Finger abgezehret
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Der Ring gefallen ist.

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Es ist dieselbe Nacht,
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Da in dem hellen Saale
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Beym zweyten Hochzeitmahle
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Die Gräfinn scherzt und lacht.

69
Hoch hebt sie den Pokal,
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Es glüh'n ihr Wang' und Lippe,
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Da tritt ein bleich Gerippe,
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Der Tod, dumpf durch den Saal.

73
Der läßt, zu ihr gewandt,
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Hoch vor den Gästen allen
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Den Ring ins Glas ihr fallen,
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Sie hat ihn wohl erkannt.

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Die Saiten springen laut
78
Von Harfe und von Leyer,
79
Und an das Herz dem Freyer
80
Sinkt todt die üpp'ge Braut.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Justinus Kerner
(17861862)

* 18.09.1786 in Ludwigsburg, † 21.02.1862 in Weinsberg

männlich, geb. Kerner

deutscher Dichter, Arzt und medizinischer Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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