Der grobe Bruder

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Clemens Brentano: Der grobe Bruder (1808)

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Kuchlebu, Schifflebu fahren wohl über den Rhein,
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Bey einem Markgrafen, da kehren sie ein.

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„guten Morgen, junger Markgraf, guten Morgen,
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„wo hast du dein adelich Schwesterlein verborgen?“

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Was fragst du nach meinem adelichen Schwesterlein
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klein,
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Es möchte mir viel zu hübsch und zu adelich seyn.

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„warum möcht es mir viel zu hübsch und zu ade-
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lich seyn,
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„es geht mit einem Kindelein klein.“

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Geht es mit einem Kindelein klein,
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So soll es auch nicht mehr mein Schwesterlein seyn.

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Er schickte sogleich Roß und Wagen,
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Und ließ sein adelichs Schwesterlein hertragen.

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Sie versprach der Kindsmagd ein Paar neue Schuh,
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Soll ihrem Kindlein die Sach recht thun.

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Versprach dem Kutscher ein Paar silberne Sporen,
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Er soll auch tapfer in Hof nein fahren.

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Und da sie in den Hof nein kamen,
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Da sagt der Bruder ihr gleich willkommen:

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„liebes adeliches Schwesterlein mein,
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„wo hast du dein Kindelein klein?“

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Ich hab fürwahr kein Kindelein klein,
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Die Leute gehn mit Lügen auf mich ein.

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Er nahm sie bey ihrer schneeweisesten Hand,
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Und führt sie auf Ulm zu dem Tanz.

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„ihr Musikanten macht mir auf einen langen Tanz,
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Mein Schwester ist hier im Nägelkranz.

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Der Tanz der währte dritthalbe Stund,
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Bis ihr die Milch aus den Brüsten raussprung.

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Der Bruder nahm sie bey der schneeweisesten Hand
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Und führt sie in sein Schlafzimmer alsbald.

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Und sprang mit Stiefel und Sporen auf sie,
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Daß sie vor grossem Schmerze laut schrie.

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Hör auf, hör auf, grober Bruder mein,
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Es ist ja genug, das Kind ist nicht dein.

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Es gehört ja dem König in Engeland zu!
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„ach hättst du es bälder gesaget nur!

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Hätt ich fürwahr einen Schwager gehabt,
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Ist dir noch zu helfen, mein Schwesterlein sags?

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Warum wird es mir zu helfen seyn,
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Man sieht auf Lung und Leber hinein!

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Es stand nicht länger an als dritthalbe Tag,
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Da war der König von England selber da.

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„willkommen, willkommen junger Markgraf mein,
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Wo hast du dein adelich Schwesterlein klein.

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Es liegt im kühlen Grab und da liegts,
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Daß du es nimmermehr hier wiedersiehst.

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Was zog der König? Sein glitzeriges Schwerdt,
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Und stach es dem jungen Markgrafen durchs Herz.

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Er stach es ins Herz, so tief als er kann;
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„sieh an das hast du deiner Schwester gethan.

53
Er nahm sein Kind froh in den Arm:
54
„jezt hast keine Mutter mehr, daß Gott erbarm!“

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Clemens Brentano
(17781842)

* 08.09.1778 in Koblenz-Ehrenbreitstein, † 28.07.1842 in Aschaffenburg

männlich, geb. Brentano

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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