Schloß Orban

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Clemens Brentano: Schloß Orban (1808)

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Der Winter wollte lang bey uns seyn,
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Des trauerte manches Vögelein,
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Das jezt gar fröhlig singet,
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Auf grünem Zwerg hört mans im Wald
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Gar süssiglich erklingen.

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Der Zweig hat gebracht gar manches Blat,
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Danach man grosses Verlangen hat,
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Die Heid' ist worden grüne;
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Darum so ist gezogen aus
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Gar mancher Mann so kühne.

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Einer zog auf, der andre ab,
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Das hat genommen gar wilde Hab,
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Der Schimpf hat sich gemachet,
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Des hat der Herzog von Burgund
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Gar wenig mehr gelachet.

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Man ist gezogen in sein Land,
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Ein Stadt ist Ponterlin genannt,
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Da ist der Reigen anfangen,
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Darin so sieht man Wittwen viel
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Gar trauriglichen prangen.

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Der Bär eilt ihnen nach mit der Fahn,
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Er brannt, als er vormals gethan,
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Den Welschen da zum Leide,
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Da er das Dorf gezündet an,
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Da zog er auf weite Heide.

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Da nun der Zug gen Orban kam,
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Da brannt die Stadt in Feuers Flamm,
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Wann sie sich hätten ergeben
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An die frommen Herren von Bern!
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Das war dem Schloß nicht eben.

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Darum sie es gezündet an,
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Das hat entgolten mancher Mann,
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Der in das Schloß ist kommen,
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Die Eidgenossen in der Stadt
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Sie löschten das Feuer zum Frommen.

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Gesellen nahmen den Kirchthurm ein,
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Und schossen zu den Welschen herein,
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Daß es so laut erkrachet,
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Wiewohl es war ein grosser Ernst
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Des Schiessens mancher lachet.

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In dem da stürmt man an das Schloß,
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Man achtet gar kein Wurfgeschoß,
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Sie hauen ein Loch in die Mauren,
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Dadurch schlüpft mancher kühne Mann,
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Um sich hat er kein Trauren.

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Die von Bern stürmten vorne dran
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Und die von Basel hinten an,
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Sie kamen darin mit Genossen,
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Das Fähnlein von Luzern, weiß und blau,
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Sah man gar bald im Schlosse.

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Da nun die Welschen sahen klar,
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Wie schnell das Schloß erstiegen war,
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Sie warfen ab die Wehrn,
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Und baten, daß man auf sollt nehmen,
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Durch Gott und unser Frauen Ehrn.

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Hätten sie das beyzeit gethan,
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Man hätt sie allesamt leben gelahn,
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Jezt wollt man sie nicht ehren;
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Da nun die Welschen sehen das,
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Begannen sie sich zu wehren.

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Sie hatten ein Thurm eingenomm'n,
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Da konnt man lang nicht zu ihn komm'n
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Da waren viele innen,
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Sie wehrten sich gar lange Zeit,
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Und mocht ihr keiner entrinnen.

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Da fügt sich das man zu ihn kam,
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Inwendig im Thurm man aufhin klam,
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Viel höher als sie waren,
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Man warf ihr eben viel zu todt,
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Und traf sie über den Ohren.

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Es gesah nie kein'm Mann grösser Noth,
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Man warf sie lebendig und todt,
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Allsamt über die Zinnen,
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Das Schloß Orban man also thät
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Den Welschen abgewinnen.

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Darin waren mehr denn hundert Mann,
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Die all ihr Leben musten lahn,
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Darin will ich nicht lügen,
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Man lehrt sie über die Mauer all
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Ohn alles Gefieder fliegen.

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Noch ist ein stark Schloß Jungi genannt,
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Dem ward es auch gar bald bekannt,
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Wie es zu Orban ergangen,
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Da waren viel der Welschen auf,
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Herab hatten sie Verlangen.

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Man zog gen Jungi in die Stadt,
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Nach dem Schloß man groß Verlangen hat;
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Da man kam dargeschlichen,
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Da waren die Welschen alle daraus
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In welsche Land gewichen.

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Der Bär war gelaufen aus dem Höhl,
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Es ist ihm ergangen also wehl,
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Wieder heim ist er gesprungen,
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Gott geb ihm fürbas Glück und Heil,
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Hat uns Veit Weber gesungen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Clemens Brentano
(17781842)

* 08.09.1778 in Koblenz-Ehrenbreitstein, † 28.07.1842 in Aschaffenburg

männlich, geb. Brentano

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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