Frage

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Clemens Brentano: Frage (1808)

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Grüß dich Gott mein Schmidt!

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Dank dir Gott mein Schmidt!

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Mein Schmidt, wo streichst du her?
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Daß deine Schuhe so staubig,
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Dein Haar so krausig, dein Bart auf beiden Backen herausfährt
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Wie ein zweischneidig Schlachtschwerdt.
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Du hast eine feine meisterliche Art,
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Einen feinen meisterlichen Bart,
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Eine feine meisterliche Gestalt,
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Du bist weder zu jung noch zu alt.
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Mein Schmidt bist du Meister gewesen,
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Oder denkst du noch mit der Zeit Meister zu werden?

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Mein Schmidt, ich streich daher übers Land,
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Wie der Krebs übern Sand,
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Wie der Fisch übers Meer,
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Daß ich mich junger Hufschmidt auch ernähr.
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Mein Schmidt ich bin nicht Meister gewesen,
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Ich denk aber mit der Zeit noch Meister zu werden,
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Ist es gleich nicht hier,
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So ist es anderswo schier,
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Wenn es gleich ist eine Meile von dem Ring,
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Da der Hund über Zaun springt,
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Da ist auch gut Meister zu werden.

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Mein Schmidt, wie thust du dich nennen,
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Wenn du hier und anderswo auf der Gesellen Herberge
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kommst,
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Die Gesellen Lade offen steht,
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Büchse, Briefe, Siegel, Geld und Gut drinnen
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Und draussen herum liegen, günstige Meister und Gesellen,
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Jung und alt um den Tisch herum sitzen, und halten eine
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feine stille Umfrage,
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Gleich wie jetzt und allhier geschiehet?

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Mein Schmidt, ich thu mich nennen,
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Ferdinand Silbernagel, das ehrliche Blut,
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Dem Essen und Trinken wohl thut,
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Essen und Trinken hat mich ernährt,
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Darüber hab ich manchen schönen Pfenning verzehrt,
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All mein Vaters Gut,
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Bis auf einen alten Filzhut,
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Der liegt in der Königlichen See- und Handlungs-Stadt
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Danzig,
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Unter des Herrn Vaters Dach;
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Wenn ich aber vorübergeh,
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So muß ich seiner lachen,
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Er ist mir weder zu gut noch zu bös,
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Daß ich ihn nicht mag lösen, mein Schmidt wilst du ihn lösen,
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So will ich dir auch 3 Heller zur Beisteuer schenken.

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Mein Schmidt, bedanke mich deines alten Filzhuts,
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Ich habe selbst einen der ist nicht gut.
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Aber Ferdinand Silbernagel ist wohl ein feiner Name,
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Er ist wohl 100 Reichsthaler mehr als ein fauler Apfel
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einen Pfenning werth,
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Denselben nimmt man und wirft ihn zum Fenster hinaus,
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Da kommt wohl ein grober, toller, voller Bauer mit sei-
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nen großen Hanrey Stefeln
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Und bricht wohl 99 mahl den Hals darüber,
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Und spricht nicht einmal ho ho!
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Aber dich und deinen ehrlichen Namen wollen wir hier
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behalten,
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Er ist auch wohl behaltens werth.
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Mein Schmidt, wo hast du ihn bekommen?
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Hast du ihn ersungen oder hast du ihn ersprungen,
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Oder hast du ihn bey schönen Jungfern bekommen?

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Mein Schmidt, ich konte wohl singen,
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Ich konte wohl springen,
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Ich konte wohl mit schönen Jungfern umgehen, das alles
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wollte nichts helfen,
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Ich muste meinen ehrlichen Namen um ein frei Wochlohn
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kaufen,
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Das Wochlohn wollte nicht recken,
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Ich muste die Mutterpfennige und das Trinkgeld auch
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drein stecken.

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Mein Schmidt, in welcher Stadt oder Markflecken
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Sind dir solch edle Wohlthaten wiederfahren?

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Mein Schmidt, in der Königlichen See- und Handlungs-
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Stadt Danzig,
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Da man mehr Gersten zu Bier mälzt,
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Als man Silber und Gold schmelzt.

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Mein Schmidt, kanst du mir nicht zwei oder drei nennen,
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Damit ich dich und deinen ehrlichen Namen mög erkennen?

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Mein Schmidt, ich kan sie dir wohl nennen,
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Wenn du sie nur thätest erkennen;
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Es ist da bey gewesen Gotthelf Springinsfeld, Andreas
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Silbernagel, Gottlob Trifteisen,
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Mit diesen dreien kan ichs bezeugen und beweisen
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Und ist es dir nicht genug,
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So bin Ferdinand Silbernagel der vierte
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Und andere gute Gesellen mehr,
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Die ich nicht alle herzählen kann.

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Mein Schmidt, war es dir nicht leid,
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Daß es deren so viel waren?

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Mein Schmidt es war mir nicht leid,
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Daß es ihrer so viel waren,
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Es war mir leid,
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Das du und deine gute Neben-Gesellen nicht auch dabei
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waren,
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Daß die Stube oben so voll wie unten, und unten so
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voll wie oben,
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Und hätten einander zum Fenster hinaus getrunken,
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Und zum Kachelofen wieder herein,
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Der Kopf hätte doch allezeit der vorderste must sein.

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Mein Schmidt, was wäre dir mit meinem Kopfschaden
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gedient gewesen?
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Wäre es nicht besser gewesen,
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Wir wären gewesen zu Kölln am Rhein,
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Und hätten einander zugetrunken 24 Kannen Bier oder
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Wein.
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Indessen scheid ich von dir, und du von mir,
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Und ich werde dich hinfort nicht fragen mehr.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Clemens Brentano
(17781842)

* 08.09.1778 in Koblenz-Ehrenbreitstein, † 28.07.1842 in Aschaffenburg

männlich, geb. Brentano

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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