Dies ist das alte deutsche Uebel Und wers nicht hat , der nehms nicht übel

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Clemens Brentano: Dies ist das alte deutsche Uebel Und wers nicht hat , der nehms nicht übel (1808)

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Welcher Mann ein Henn hat die nicht Eyer legt.
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Und ein Sau die nicht Junge trägt,
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Und ein Kuh die nicht Milch giebt,
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Und ein Tochter die all Nacht ausliegt,
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Und ein Sohn der allzeit gern spielt,
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Und ein Frau die ihm heimlich abstiehlt,
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Und ein Magd die da geht mit einem Kind,
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Fürwahr der hat ein unnütz Hausgesind.
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Doch ist noch eine schlimmre Qual,
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Die trit die Leute an auf einmal,
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Auf den hohen Rossen die Reitersknaben,
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Die können ihr nicht leicht enttraben,
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Die kommt von freundlicher Botschaft schicken,
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Brieflein schreiben, Augen blicken,
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Mündlein küssen, Händlein greifen,
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Lauten spielen, Nachtes Pfeifen,
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Unter dem Tisch die Füßlein treten,
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Untern Bänken die Knielein kneten,
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Darnach dann zusammen rucken
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Und in die heimlichen Winkel schmucken,
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Die rothen Wänglein dreschen,
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Die schwarzen Hemdlein wäschen,
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Silbern Kleinod schenken,
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Mit den Augbrölein wenken,
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Aus der Kirchen sich verstehlen,
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Und in engen Gassen sich verhehlen,
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All Stunden verbey laufen,
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Heut schlagen, morgen raufen.
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Wer nun ein solches Uebel hat,
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Der merk, wie es hernach ihm gaht,
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Sein Schlaf wird ihm genommen gar,
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So muß er laufen her und dar
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Gleich wie ein wütender Hund,
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Und kann geruhn zu keiner Stund.
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Wann er soll zu Tische sitzen,
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So wird er vor Aengsten schwitzen,
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Hat manchen seltsamen Gedank,
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Zeit und Weil wird ihm lang
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Und thut nichts als Hölzlein schnitzen,
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Mit denselben die Wänd zerkritzen,
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Henkt unter sich sein Haupt,
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Von ihm wird gar niemand erfreut.
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Füß rutschen, Teller stupfen,
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Hand-Zwehlen knüpfen
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Und auch die Gläser klenken,
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Manchen tiefen Seufzer senken,
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Mit Messern Brod klopfen,
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Und die Finger ropfen,
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Dazu auch über sich sehen,
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Treibt er viel, es muß geschehen,
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Die Augen wirft er hin und dar
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Und jetzt wird er der Metze Narr.
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Alte Schuld und Schaden rächen,
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Niemand mehr freundlich gesprechen
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Und Tischlacken schaben,
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Solche Zeichen muß er an sich haben.
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Was ander Leut thun ist ihm schwer,
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Er ist ein rechter groß Martrer,
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Und liegt stetig in großem Weh.
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Zu Nacht lauft er in den Schnee,
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So er dann hört des Metzen Stimm,
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Dann sticht ihn erst des Uebels Grimm,
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Von Frost und Regen leidet er viel,
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Also treibt der Thor sein Saitenspiel
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Wohl hin über die Wachen ganz.
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Am Sontag schenkt ihm die Metz ein Kranz,
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Der ist nicht einer halben Haselnuß werth,
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Den die Metz dem Narren gewehrt,
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So er nun
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So dünkt er sich zehenmal so breit
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Und lauft damit in alle Gassen,
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Er dünkt sich stolz ohn alle maaßen.
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Was ihm die Metz heist, muß er thun,
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So kann er ohne Krieg nicht ruhn.
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Welcher sich des Uebels will erwehren,
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Der soll sich zu guten Gesellen kehren,
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Wo sie sitzen bey dem kühlen Wein
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Und soll die Metze ein Metze lassen seyn,
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Bis daß sie ihm werd gegeben zu der Eh,
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Ihm wird dennoch wahrlich wohl weh,
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Wenn er ein Jahr zu Hause sitzt bey ihr,
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Er wollt daß sie ein Reutlinger Ochs wär,
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Er gäb sie wieder um das halbe Hauptgut,
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Also spricht Nicklas Wohlgemuth.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Clemens Brentano
(17781842)

* 08.09.1778 in Koblenz-Ehrenbreitstein, † 28.07.1842 in Aschaffenburg

männlich, geb. Brentano

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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