Aus der Zeit , wo die Schäfereyen überhand nahmen

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Clemens Brentano: Aus der Zeit , wo die Schäfereyen überhand nahmen (1808)

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Schäfer. Mein Freund! Ein guter Freund,
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Der hier verspätet weint,
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Erbittet sich zur Gnad
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Hier eine Ruhestadt,
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Weil er von diesem Ort
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Nicht mehr kann reisen fort.

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Nachtwächter. Wer seyd ihr?

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Schäfer. Ich bin ein treuer Hirt,
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Aus Liebe und Begierd,
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Seht an mein Hirtenstab,
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Den ich in Händen hab,
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Damit weid ich die Heerd
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Wies mich der Vater lehrt.

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Nachtwächter. Wen sucht ihr?

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Schäfer. Ich such aus treuem Sinn
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Die edle Schäferinn,
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Die sich von meiner Heerd,
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So schnöd hinweggekehrt,
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Und sich in dieser Stadt
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Gewiß verloren hat.

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Nachtwächter. Wenn ihr ein Schäfer seyd, so ge-
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hört ihr zu eurer Heerd, wie bald ists
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geschehen, daß ein Wolf kommt und zer-
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trennt die ganze Heerd.

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Schäfer. Wenn schon die ganze Heerd
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Von ihm zertrennet wär,
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So wär es nicht so viel,
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Als wenn ich ohne Ziel
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Sollt ohne Schäfrin seyn,
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Und nunmehr ganz allein.

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Nachtwächter. Ihr werdet schon eine andre finden,
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Was braucht ihr der so nachzulaufen?
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Ist sie so gewaltig schön?

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Schäfer. Sie ist vortreflich schön
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Wie eine Götterin,
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Ihr Auge ist wie Feur,
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Das macht sie mir so theur,
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Die liebliche Gestalt
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Ist wie man Venus mahlt.

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Nachtwächter. Von Venus mag ich gar nichts wis-
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sen, Korporal heraus und Bursche
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ins Gewehr und führt den Kerl ans Licht.

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Schäfer. Gewalt geht stets vor Recht,
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Mein Treu bezahlt man schlecht,
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Ich such die ganze Nacht,
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Man führt mich
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Adje man führt mich hin
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O edle Schäferin.

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Nachtwächter. Licht her, Kerl was winkt er mir? —
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Ach ihre Majestät! Sie sind es! — Gnade,
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machen sie einen treuen alten Diener nicht un-
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glücklich!

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Schäfer. Ihr sollt mirs nicht ansehn,
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Ihr könnt mirs nicht ansehn,
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Ein Schäfer will ich seyn,
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Ein Schäfer ganz allein,
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Ihr seyd einfältge Schaf,
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Und ich erlaß die Straf.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Clemens Brentano
(17781842)

* 08.09.1778 in Koblenz-Ehrenbreitstein, † 28.07.1842 in Aschaffenburg

männlich, geb. Brentano

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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