La Blanche Nef

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Conrad Ferdinand Meyer: La Blanche Nef (1882)

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„herr König, ich bin Steffens Kind,
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Der den Erobrer einst geführt!
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Es ist ein Lehn, daß

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Voraus den schnellsten Seglern fliegt
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Mein Boot, La Blanche Nef genannt,
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Es weiß wo sichre Tiefe liegt,
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Es furcht das Meer, es kennt den Strand!“

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— „Nicht mich, doch meinen besten Hort,
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Vier Königskinder, führest du —
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Sie knospen, weil mein Leben dorrt —
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Die junge Normandie dazu!

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Gelobe mir dein himmlisch Theil,
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Gelobe mir dein männlich Wort:
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Du bringst an Leib und Seele heil
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Die Kinder mir nach England dort!“

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— „Ich schwöre Dir mein himmlisch Theil,
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Ich schwöre Dir mein männlich Wort:
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An Leib und Seele bring' ich heil
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Die Kinder Dir nach England dort!“

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Des Schiffers geller Pfiff erscholl,
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In See das Boot des Königs stach —
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Ein Korb von frischen Blumen voll,
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Glitt Blanche Nef, la Belle, nach.

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So leicht beschwingt wie nie zuvor,
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Durchfurchte Blanche Nef die See
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Mit ihrem kräft'gen Knabenflor
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Und Mägdlein schlank wie Hirsch und Reh.

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Die Königskinder hell und zart
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Erhöht inmitten saßen sie,
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Ringsum gepaart in Zucht und Art
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Das Edelblut der Normandie.

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Vier helle Stimmen sangen schön
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Und hundertstimmig scholl der Chor,
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Es zog das junge Lustgetön
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Die Nixen aus der Fluth empor.

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— „Ich warne junge Herrlichkeit
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Und dich, normännisch Edelblut,
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Das Singen schafft der Nixe Leid,
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Dem freudelosen Kind der Flut!“

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— „Und schaffen dem Gezücht wir Leid
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Und quälen wir das Halbgeschlecht
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Und reizen wir der Nixe Neid,
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Das, Steffen, ist uns eben recht!“

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Gemach verlosch das Abendrot,
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Des Tages Gluten schliefen ein,
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Ausbreitet' über Meer und Boot
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Der Mond den bleichen Geisterschein.

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Die See ist wunderlich erregt.
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Was wandert um des Kieles Lauf?
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Von Armen wird die Flut bewegt,
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Beglänzte Nacken tauchen auf.

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Der Steffen ernst am Steuer stand:
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„das Meer ist klar, doch droht Gefahr ...“
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Er deutet mit gestreckter Hand:
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„da naht sie schon, die Nixenschaar!“

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Umklammert hält den schrägen Mast
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Ein blanker Leib als Schiffsfigur,
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Daß Blanche Nef, von Graun erfaßt,
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In wilder Flucht von dannen fuhr.

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— „Ich warne junge Herrlichkeit,
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Vergeßt die Nachtgebete nicht!“
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— „Ei Steffen, Kind der alten Zeit,
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Süß herzt es sich im Mondenlicht“ ...

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Es klimmt und überklimmt das Bord,
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Es läßt sich nieder aus den Taun,
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Es kichert wie ein freches Wort,
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Es schaudert wie ein lüstern Graun ...

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Es reizt, es quält, es schlüpft, es schmiegt
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Sich zwischen Edelknecht und Maid,
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Bis sich das Paar in Armen liegt
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Zu früher Lust, zu Tod und Leid ...

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Dem Steffen steigt das Haar. Er starrt
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Auf ein gespenstig Bacchanal:
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Die Königskinder hell und zart
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Verblühen all im Mondenstrahl.

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„verloren geht mein himmlisch Theil,
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Gebrochen ist mein männlich Wort:
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Nicht bring' an Leib und Seele heil
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Die Kinder ich nach England dort!

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Geh nieder, Blanche Nef! Es ragt
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Links unterm Wasser hier ein Riff ...“
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Er dreht das Steuer stracks und jagt
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Der Klippe zu das Sündenschiff.

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Der König lauscht zurück: „Das scholl
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Wie Sterbeschrei!“ Klar ist der Sund.
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Ein Korb von welken Blumen voll,
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Sinkt Blanche Nef zum Meeresgrund.

(Meyer, Conrad Ferdinand: Gedichte. Leipzig, 1882.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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