Die Ketzerin

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Conrad Ferdinand Meyer: Die Ketzerin (1882)

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Fra Dolcin, der Ketzer, der von Dante
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In der Hölle neunten Kreis Gebannte,
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Hat ein Weib geliebt, von dem sie sagen,
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Daß kein schön'res lebt' in jenen Tagen.
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Kamen seine Jünger ihn zu grüßen,
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Saß die Blonde schon zu seinen Füßen,
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Segnet' er das Volk mit frevler Rechten,
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Neigte sie zuerst die goldnen Flechten;
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Dem Verfehmten folgte sie, dem Flieh'nden,
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Durch die Schluchten des Gebirges Zieh'nden —
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Da er von den Schergen ward gefangen,
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Ist sie seinen Fesseln nachgegangen;
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Wo er in der Flamme sich gewunden,
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Steht auch sie am Marterpfahl gebunden.

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Lieblich ist, die Fra Dolcin verführte,
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Wie noch nie ein Weib die Herzen rührte;
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Augen, unergründlich wunderbare,
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Schaun, als ob sie zu den Sel'gen fahre.
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Die sie richten, fragen sich mit Grauen:
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Kann die Hölle wie der Himmel schauen?

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Und es zittern vor dem unschuldsvollen
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Engelsantlitz, die sie martern wollen.

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Selbst der Priester spricht mit ihr gelinde,
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Als mit einem irrgegangnen Kinde:
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„schwaches Weib, der dich verleitet hatte,
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Weder Bruder war er dir noch Gatte!
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Seine Asche treibt im Wind! Verflogen
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Sind die Stapfen, die dich nachgezogen!
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Büße! Folge reuig den Geboten
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Unsrer heil'gen Kirche! Laß den Todten!“
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In den Banden kann sich nicht bewegen
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Margherita, nur die Lippen regen:
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„leiden muß ich, was Dolcin gelitten ...
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Horch, er ruft! Ich folge seinen Schritten“ —
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Und die warmen, tiefen Blicke strahlen —
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„durch die Martern folg' ich, durch die Qualen!“
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— „Ketzerin, dich stärken finstre Mächte!
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Brände her!“ .... Es rühren sich die Knechte.

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Siehe da! Wie eines Blitzes Leuchten
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Fährt ein Ritter unter die Gescheuchten,
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Will den schönen Dämon sich erstreiten;
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Er bemächtigt sich der Maledeiten,
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Ihre Kniee fasst er mit der Linken,
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In der Rechten droht des Schwertes Blinken:
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„tretet aus die Glut! Bei Gottes Leibe,
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Löscht die Fackeln! Weg von meinem Weibe!
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Sage Ja ... Mit einem Wink der Lider ...
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Und vom Scheiterhaufen steigst du nieder!

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Keiner wird auf meiner Burg es wagen,
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Dich um deinen Glauben zu befragen!“

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— „Laß mich ziehn! ... Ich darf mich nicht verweilen .. .
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Horch, Dolcino ruft! ... Ich muß mich eilen .. .
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Gieb mich frei!“ Er weicht mit einem herben
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Hohngelächter. „Mag die Thörin sterben!“

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Ueber ihrem blonden Haupt zusammen
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Schlagen Todesflammen, Liebesflammen.

(Meyer, Conrad Ferdinand: Gedichte. Leipzig, 1882.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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