Der Mars von Florenz

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Conrad Ferdinand Meyer: Der Mars von Florenz (1882)

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Die Thürme von Florenz umblaut
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Der süße Lenz, der junge Lenz,
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Die Frauen singen leis und laut
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In allen Gassen von Florenz.

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Am Rand der Arnobrücke steht
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Ein schwarzverwittert Marmelbild
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Mit Helmgeflatter, Kriegsgerät,
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Gott Mars, und lächelt falsch und wild.

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— „Gott Mars, wohl magst du finster schaun,
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Drommete dröhnt im Lenze nie,
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Raub' eine dir von unsern Fraun!
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Hoch über Venus preis' ich sie!“

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Ein Jüngling ruft's dem Gott empor
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Mit lachend ausgestreckter Hand —
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Ihm dringt ein Erzgedröhn ans Ohr,
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Er eilt und steht am andern Strand.

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Rasch tritt aus einem Haus hervor
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Ein Edelweib, das höhnt und lacht:
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„zur Amidei? Junger Thor!
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Dir war das Schön're zugedacht!

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Nach Gottes Rathschluß ist's geschehn!
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Heut wirst du — heißt's — mit ihr getraut —
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Jetzt sollst du die Donati sehn:
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Blick her! Vergleich' mit deiner Braut!“

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Sie zerrt ein Mägdlein an das Licht,
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Es kämpft ins dunkle Haus zurück,
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Im jungen bangen Angesicht
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Erräth er aller Himmel Glück.

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„hinweg! Die Amidei harrt!
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Hinweg! Mein Kind ist keine Dirn!
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Ihr blicket frech!“ Der Jüngling starrt
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Auf die gesenkte Mädchenstirn.

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Der Wunsch ist Glut! Die Scham ist Glut!
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Die hohe Doppelflamme loht!
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Er streckt die Hand. Das höchste Gut
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Ergreift er und ergreift den Tod.

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„frau, strafet mich nicht allzuschwer!
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Das süße Haupt! Das blonde Haar!
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Gewähret sie mir!“ stammelt er.
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„ich führe stracks sie zum Altar!“

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Den Ring der ihm die Hand bereift,
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Der Amidei Trauungsring,
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Hat rasend er sich abgestreift
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Und schleudert ihn. Da rollt er. Kling ...

45
Jetzt kniet er im Capellenraum,
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An Freveln und an Wonnen reich,
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Zur Linken kniet sein sünd'ger Traum,
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Wie Engel schön, wie Todte bleich.

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Dem Paar zu Häupten murmelt leer
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Und schnell ein feiles Priesterwort —
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„die Rosse her! Die Rosse her!
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Zum Thor hinaus! Ins Freie fort!

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Du lieb Geschöpf! Du bebst wie Laub!
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Verlarve dir das Angesicht!
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Faß Muth! Ich bringe meinen Raub,
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In eine Burg die Keiner bricht!“

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Am Rand der Arnobrücke steht
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Ein schwarzverwittert Marmelbild
59
Mit Helmgeflatter, Kriegsgerät,
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Gott Mars, und lächelt falsch und wild.

61
Das Schwert des Gottes schüttert leis.
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Da springt hervor mit Erzeslaut
63
Ein Hinterhalt, ein Mörderkreis,
64
Die Sippe der verrathnen Braut.

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„verdammter, stirb!“ — „Geliebte, flieh!“
66
Wild ringend stürzt er umgebracht,
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An seinen Busen gleitet sie
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Und sinkt mit ihm in Eine Nacht.

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Herab von aller Thürme Hang
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Verkündet gellend Sturmgeläut
71
Den Bürgerkampf. Das Schwert erklang
72
Dem Gott, der sich des Mordes freut.

(Meyer, Conrad Ferdinand: Gedichte. Leipzig, 1882.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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