Der trunkene Gott

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Conrad Ferdinand Meyer: Der trunkene Gott (1882)

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Weiße Marmorstufen steigen
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Durch der Gärten laub'ge Nacht,
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Schlanke Palmenfächer neigen
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In des Himmels blaue Pracht.
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Ueber Tempeln, Hainen, Grüften
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Zecht in abendweichen Lüften
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Alexander's Lieblingsschaar;
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Daß der Erde Herr sich labe,
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Bietet ihm ein schöner Knabe
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Wein in goldner Schaale dar.

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Kleitos neben Philipp's Sohne
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Furcht die Stirne kummervoll,
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Der benarbte Macedone
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Schlürft im Weine Zorn und Groll:
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Er gedenkt der Heergenossen,
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Die die erste Phalanx schlossen
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In den Bergen kühl und fern —
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Seinen dunkeln Muth zu kränken
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Lüstet es den jungen Schenken
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Lagernd an dem Knie des Herrn.

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Die erhabne Stirn und Braue
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Träumt den Zug ins Inderland,
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Lauschend liest den Traum das schlaue
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Kind, den Blick emporgewandt:
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„bacchus bist du, der belaubte,
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Mit dem schwärmerischen Haupte,
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Der ins Land der Sonne zieht!
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Ohne Heer kannst du bezwingen,
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Nur den Thyrsus darfst du schwingen,
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Winke nur und Indien kniet!“

31
Finster grollt der tapfre Streiter:
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„durch der Wüste heißen Sand?
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Immer ferner, immer weiter?
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Nach des Indus Fabelstrand?
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Siegst du mit der Wimper Winken,
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Warum fechten wir und sinken
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Wir für dich? Zum Schein und Spott?
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Lebende kannst du belohnen,
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Deine todten Macedonen,
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Wecke sie, bist du ein Gott!“

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— „Welchen dampfenden Altares
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Freust du auf der Erde dich?
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Bist du die Gewalt des Ares,
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Helmumflattert, fürchterlich?
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Herr, bevor den niedern Thalen
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Du dich nahtest ohne Strahlen,
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Welches war dein himmlisch Amt?
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Bist du Zeus? Bist du ein Andrer?
49
Bist du Helios, der Wandrer,
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Dessen Stirne sonnig flammt?“ —

51
Traulich neigt der graue Fechter
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Sich zum Ohr des Gottes hin,
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Mit unseligem Gelächter
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Rührt er an der Schulter ihn:
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„gast des Himmels, merklich sinken
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Haupt und Schulter dir zur Linken
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Lastet dir der Erde Raub?
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Macht der Knabe dich zum Gotte,
59
Dein Gebrechen schreit mit Spotte:
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Alexander, du bist Staub!“

61
Eine tödtende Geberde!
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Eines Gottes Rachewut!
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Ein Erdolchter an der Erde!
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Alter Treue strömend Blut!
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Auf den Mörder, auf die Leiche
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Starrt der Schenk, der schreckensbleiche:
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Kranz und Wunde! Fest und Grab!
68
Stumme, steingewordne Zecher —
69
Hier ein herrenloser Becher
70
Rollt die Stufen sacht herab ...

(Meyer, Conrad Ferdinand: Gedichte. Leipzig, 1882.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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