Der Musensaal

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Conrad Ferdinand Meyer: Der Musensaal (1882)

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Jüngst trug ein Traum auf dunkler Schwinge mich
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Nach Rom der ew'gen Stadt. Den Vatican
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Betrat ich. Ich betrat den Musensaal
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Verwundert, denn er war ein andrer heut,
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Als ich geschaut mit jungen Augen ihn,
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Da Pio Nono höchster Priester war.
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Verschwunden aus dem edeln Octogon,
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Dem kuppelhellen, war der Musaget,
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Apollo, der die Cither zierlich schlug,
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Voranzugehn dem Chor tanzmeisterlich.
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Die Neune saßen oder standen nicht
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Umher vertheilt in schönen Stellungen —
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In wilder Gruppe schritten eilig sie,
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Wie Schnitterinnen, die auf blachem Feld
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Ein leuchtendes Gewitter überrascht:
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Voran die blutige Melpomene,
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Die an den Söhnen rächt der Vater Schuld.
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Sie trägt das Schwert und auch den Kranz von Wein.
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„ein Reich“, so jubelt sie, „zerstör' ich jetzt!
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Das Feuer knistert unter seinem Thron!
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Die nordische Barbarin preßt den Fuß,
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Den plumpen, auf den Nacken eines Weibs,
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Das schmerzenreicher blickt als Niobe —
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Sklavin, empor! Zerbrich die Fessel! Wirf
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Die grinsende Barbarin in den Staub! ...“
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So jauchzt die blutige Melpomene —
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Wer schreitet, schlicht gewandet, neben ihr?
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Kalliope, die keusch und kindlich blickt,
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Die den erblindeten Homer geführt,
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Die tapfre Helden liebt und Schildgetos
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Und Rossgestampf und dann abseits der Schlacht
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In jugendzartem Busen Loose wägt —
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Mit beiden Armen in die Ferne grüßt
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Sie jetzt: „Behelmte! Blonde Herzogin!
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Ins rauhe Heerhorn stößest du mit Macht!
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Erzklirrend springen dir die Söhne auf!
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Die Völker richtest und beherrschest du,
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Gerechte Herrin, beilgewalt'ge Frau!“
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Weithallend redet jetzt ein mächtig Paar,
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Terpsichore und Polyhymnia:
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„der Tag ist fern und er erfüllt sich doch:
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Die Völker schreiten
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Sich an den Händen haltend, frei gesellt,
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Vieltausendstimmig dröhnt der Chorgesang!“
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— „Dann weicht das Leid! Nicht alles, aber doch
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Das meiste Leid!“ Euterpe flötet es,
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Das liebliche Geschöpf, die Schmeichlerin!
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— „Dann füllt“, Erato lacht's mit blüh'ndem Mund,
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Die schöne Schelmin, die das Liebeslied,
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Das Zechlied für allein unsterblich hält,
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„dann füllt ein Jeder seine Schaale sich
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Mit duft'gem Wein und schlürft und Keiner darbt“ —
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„thörinnen!“ gellt ein scharfgeschnittner Mund,
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„verspotte sie, mein Aristophanes! ...
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Doch eure Kampfgesellin bin ich auch!
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Ich morde lachend, was nicht sterben kann!
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Im Angesicht den hippokrat'schen Zug
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Zeig' ich der selbstgefäll'gen Gegenwart
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Mit meinem Spiegel, der getreu verzerrt,
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Die Prahlerei der Zeit zerreißt mein Hohn
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In trunkner Lust, wie die Bacchante jach
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Ein Zicklein oder Reh in Stücke reißt.
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Mordlust'ger bin ich noch und tragischer
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Als du, mein Schwesterchen Melpomene,
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Denn du erhellest unter Zähren dich,
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Doch mein Gelächter, Thränen schluchzen drin!“
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Thalia rief's und unterm Epheukranz
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Verlarvte mit der Satyrmaske sie
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Die wehmuthvoll ergriffnen Züge sich
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Und hob mit nerv'gem Arm das Tympanum.
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Die letzte wandelt noch Urania,
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Die Gläubige mit dem gehobnen Blick
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(die andern heißen sie die Schwärmerin),
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Doch trennt sie sich von den Geschwistern nicht.
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Sie sieht den Sturm der Erdendinge ruhn
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In friedevollen Händen immerdar —
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Aufflattert das Gewand! Die Locken wehn!
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Ein Sturm erbraust! Die Säule birst entzwei!
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Die Kuppel bricht! In leuchtend tiefem Blau
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Entfesselt schwebt der Musenchor einher.

(Meyer, Conrad Ferdinand: Gedichte. Leipzig, 1882.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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