Tarpeja

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Conrad Ferdinand Meyer: Tarpeja (1882)

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Am Brunnen überfluthet im Dämmerlicht
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Der volle Krug und die Mägde merken's nicht,
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Denn Nina plaudert: „Freundinnen, wisst ihr wohl,
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Daß Eine sitzt im Gestein am Capitol?

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Mein Schatz, der Beppo, hat sie unlängst gesehn
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Vor ihrem runden Silberspiegel stehn,
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Die sich zu Haupt das güldene Krönlein hub —
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Mein Schatz, der Beppo, da er nach Münzen grub.

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Er schlüpfte durch einen schmalen Felsengang,
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Er tappte sich einen finstern Pfad entlang —
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Sie glomm in Höllenlicht! Er rief: „Wie schön!“
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Die Treppe brach mit donnerndem Getön.

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Sie war des römischen Castellanes Kind
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Und sie verrieth die Burg und das Burggesind!
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Mit Fingerdeut bedang sich die schlaue Maid
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Des Feindes Helmgekrön und Schildgeschmeid!

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Die Krönlein all und die Stein' und die goldnen Ring'
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Beäugelt' sie, die in Feindes Lager ging!
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Sie öffnet' ihm ein Thor mit sünd'gem Mut
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Und sah des Vaters Haupt, es schwamm in Blut.

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Doch da am Feinde sie die Löhnung sucht',
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Ward sie mit Hohn erdrückt und mit Schildeswucht,
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Sie stürzte, von ihrem eigenen Hort entseelt,
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Erstickt vom Lohne den sie selbst gewählt.

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Dann grub die Zeit sie tief und tiefer ein,
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Sie sank hinunter, hinab ins Felsgestein,
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Hinab, hinunter viel hundert Klafter tief
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Mit ihrem gleißenden Hort, darin sie schlief.

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Da sitzt die arme Seele nun in Pein
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Und putzt, die eitle, sich mutterseelallein —
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Tarpeja, gieb heraus der Kettlein drei!
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Wir tragen's den Knaben zu Lust in Lüften frei!

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Tarpeja, gleite durch den Felsenspalt
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Drei Kettlein und drei goldene Ringlein bald!
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Tarpeja lieb! Wir sind zufrieden, giebst
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Du nur, was du verächtlich bei Seite schiebst.

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Der Beppo sagt: weil du begingst Verrat,
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Bist du verdammt für deine Missethat!
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Behüt' mich Gott! In Ewigkeit verdammt!
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Weil dir nach rothem Gold das Herz geflammt.

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Man hört es oft — so sagt er — wie du lachst
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Wann du dich schön vor deinem Spiegel machst!
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Man hört es oft — so sagt er — wie du weinst,
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Weil nicht du kommst in den schönen Himmel einst!

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Tarpeja lieb, entsage der bösen Lust!
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Tarpeja, gieb die Kettlein um Hals und Brust!
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Wir beten, Arge, für dich den Rosenkranz,
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Du steigst empor, empor in den Himmelsglanz!“

(Meyer, Conrad Ferdinand: Gedichte. Leipzig, 1882.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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