Die Dryas

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Conrad Ferdinand Meyer: Die Dryas (1882)

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O Liebe, wie schnell verrinnest du,
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Du flüchtige, schöne Stunde,
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Mit einer Wunde beginnest du
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Und endest mit einer Wunde.

5
Ein Jüngling irrt in Waldesraum,
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Umspielt von goldnen Schimmern,
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Und späht nach einem schönen Baum,
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Sich draus ein Boot zu zimmern.

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Jungeiche mit dem stolzen Wuchs,
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Du bist mir gleich die rechte,
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Dich zeichn' ich mit dem Beile flugs,
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Dann ruf ich meine Knechte.

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Er führt den Streich. Ein schmerzlich Ach
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Macht jählings ihn erbleichen.
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„ich sterbe!“ stöhnt's im Stamme schwach,
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„die jüngste dieser Eichen!“

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Ein Tröpfchen Blutes oder zwei
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Sieht er am Beile hangen
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Und schleudert's weg mit einem Schrei,
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Als hätt' er Mord begangen.

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Schnell flüstert's aus dem Baume jetzt:
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„der Mord ist nicht vollendet!
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Ich bin nur leicht am Arm verletzt.
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Ich hatt' mich umgewendet.“

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„komm, Göttin“, fleht er, „Waldeskind,
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Daß ich Vergebung finde!“
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Die Schultern schmiegend schlüpft geschwind
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Die Dryas aus der Rinde.

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Ein Dämmer lag auf Stirn und Haar,
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Ein Brüten und ein Weben,
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Von grünem Blätterschatten war
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Der schlanke Wuchs umgeben.

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Er fing den Arm zu küssen an,
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Die Stelle mit dem Hiebe,
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Und, der er viel zu Leid gethan,
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Die that ihm viel zu Liebe.

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„in meinem Baum — ist lauter Traum“ ...
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Sie schlüpft zurück behende
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Und lispelt in den Waldesraum:
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„ich weiß, wen ich dir sende!“

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Der Botin Biene Dienst ist schwer,
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Sie muß sich redlich plagen,
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Honig und Wermuth hin und her,
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Waldaus, waldein zu tragen.

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Einmal kam Bienchen wild gebrummt.
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Dryas, mich kann's entrüsten!“
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Es setzt sich an den Stamm und summt:
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„ich sah's wie sie sich küßten!

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Sie ist ein blühend Nachbarkind,
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Muß ihn beständig necken —
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Dich läßt er nun bei Wetter und Wind
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In deinem Baume stecken!“

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Ein schmerzlich Ach, als wände sich
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Ein schlanker Leib und stürbe!
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Das Laub vergilbt, die Krone blich,
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Die Rinde bröckelt mürbe.

(Meyer, Conrad Ferdinand: Gedichte. Leipzig, 1882.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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