An Hafis

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Johann Wolfgang von Goethe: An Hafis (1819)

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Was alle wollen weisst du schon
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Und hast es wohl verstanden:
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Denn Sehnsucht hält, von Staub zu Thron,
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Uns all’ in strengen Banden.

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Es thut so weh, so wohl hernach,
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Wer sträubte sich dagegen?
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Und wenn den Hals der eine brach,
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Der andre bliebt verwegen.

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Verzeihe Meister, wie du weisst
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Dass ich mich oft vermesse,
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Wenn sie das Auge nach sich reisst
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Die wandelnde Cypresse.

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Wie Wurzelfasern schleicht ihr Fuss
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Und buhlet mit dem Boden;
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Wie leicht Gewölk verschmilzt ihr Gruss
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Wie Ost-Gekos ihr Oden.

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Das alles drängt uns ahndevoll,
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Wo Lock’ an Locke kräuselt,
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In brauner Fülle ringelnd schwoll,
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So dann im Winde säuselt.

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Nun öffnet sich die Stirne klar
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Dein Herz damit zu glätten,
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Vernimmst ein Lied so froh und wahr
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Den Geist darin zu betten.

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Und wenn die Lippen sich dabey
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Auf’s niedlichste bewegen,
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Sie machen dich auf einmal frey
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In Fesseln dich zu legen.

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Der Athem will nicht mehr zurück
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Die Seel’ zur Seele fliehend,
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Gerüche winden sich durchs Glück
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Unsichtbar wolkig ziehend.

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Doch wenn es allgewaltig brennt
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Dann greifst du nach der Schaale:
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Der Schenke läuft, der Schenke kömmt
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Zum erst- und zweytenmale.

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Sein Auge blitzt, sein Herz erbebt,
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Er hofft auf deine Lehren,
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Dich, wenn der Wein den Geist erhebt,
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Im höchsten Sinn zu hören.

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Ihm öffnet sich der Welten Raum
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Im Innern Heil und Orden,
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Es schwillt die Brust, es bräunt der Pflaum,
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Er ist ein Jüngling worden.

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Und wenn dir kein Geheimniss blieb
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Was Herz und Welt enthalte,
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Dem Denker winkst du treu und lieb,
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Dass sich der Sinn entfalte.

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Auch dass vom Throne Fürstenhort
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Sich nicht für uns verliere,
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Giebst du dem Schach ein gutes Wort
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Und giebst es dem Veziere.

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Das alles kennst und singst du heut
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Und singst es morgen eben:
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So trägt uns freundlich dein Geleit
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Durchs rauhe, milde Leben.

(Goethe, Johann Wolfgang von: West-östlicher Divan. Stuttgart, 1819.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Johann Wolfgang von Goethe
(17491832)

* 28.08.1749 in Frankfurt am Main, † 22.03.1832 in Weimar

männlich, geb. Goethe

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Dichter, Dramatiker, Naturforscher und Politiker (1749–1832)

(Aus: Wikidata.org)

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