Siebenschläfer

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Johann Wolfgang von Goethe: Siebenschläfer (1819)

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Sechs Begünstigte des Hofes
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Fliehen vor des Kaisers Grimme,
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Der als Gott sich lässt verehren,
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Doch als Gott sich nicht bewähret:
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Denn ihn hindert eine Fliege
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Guter Bissen sich zu freuen.
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Seine Diener scheuchen, wedlend,
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Nicht verjagen sie die Fliege.
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Sie umschwärmt ihn, sticht und irret
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Und verwirrt die ganze Tafel,
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Kehret wieder wie des hämischen
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Fliegengottes Abgesandter.

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Nun! so sagen sich die Knaben,
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Sollt’ ein Flieglein Gott verhindern?
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Sollt’ ein Gott auch trinken, speisen,
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Wie wir andern. Nein, der Eine
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Der die Sonn’ erschuf, den Mond auch,
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Und der Sterne Glut uns wölbte,
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Dieser ist’s, wir fliehn! — Die zarten
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Leicht beschuht, beputzte Knaben
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Nimmt ein Schäfer auf, verbirgt sie,
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Und sich selbst in Felsenhöhle.
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Schäfershund er will nicht weichen,
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Weggescheucht, den Fuss zerschmettert,
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Drängt er sich an seinen Herren,
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Und gesellt sich zum Verborgnen,
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Zu den Lieblingen des Schlafes.

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Und der Fürst dem sie entflohen,
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Liebentrüstet, sinnt auf Strafen,
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Weisset ab so Schwerdt als Feuer,
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In die Höhle sie mit Ziegeln
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Und mit Kalk sie lässt vermauern.

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Aber jene schlafen immer,
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Und der Engel, ihr Beschützer,
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Sagt, vor Gottes Thron, berichtend:
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So zur Rechten, so zur Linken
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Hab’ ich immer sie gewendet,
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Dass die schönen, jungen Glieder
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Nicht des Moders Qualm verletze.
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Spalten riss ich in die Felsen
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Dass die Sonne steigend, sinkend,
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Junge Wangen frisch erneute.
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Und so liegen sie beseligt. —
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Auch, auf heilen Vorderpfoten,
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Schläft das Hündlein süssen Schlummers.

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Jahre fliehen, Jahre kommen,
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Wachen endlich auf die Knaben
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Und die Mauer, die vermorschte,
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Altershalben ist gefallen.
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Und Jamblika sagt, der Schöne,
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Ausgebildete vor allen,
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Als der Schäfer fürchtend zaudert:
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Lauf ich hin! und hol’ euch Speise,
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Leben wag’ ich und das Goldstück! —
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Ephesus, gar manches Jahr schon,
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Ehrt die Lehre des Propheten
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Jesus. (Friede sey dem Guten.)

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Und er lief, da war der Thore
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Wart und Thurn und alles anders.
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Doch zum nächsten Beckerladen
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Wandt’ er sich nach Brot in Eile. —
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Schelm! so rief der Becker, hast du,
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Jüngling, einen Schatz gefunden!
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Gieb mir, dich verräth das Goldstück,
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Mir die Hälfte zum Versöhnen!

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Und sie hadern. — Vor den König
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Kommt der Handel; auch der König
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Will nur theilen wie der Becker.

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Nun bethätigt sich das Wunder,
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Nach und nach, aus hundert Zeichen.
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An dem selbsterbauten Pallast
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Weiss er sich sein Recht zu sichern.
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Denn ein Pfeiler durchgegraben
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Führt zu scharfbenamsten Schätzen.
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Gleich versammlen sich Geschlechter
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Ihre Sippschaft zu beweisen.
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Und als Ururvater prangend
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Steht Jamblikas Jugendfülle.
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Wie von Ahnherrn hört er sprechen
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Hier von seinem Sohn und Enkeln.
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Der Urenkel Schaar umgiebt ihn,
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Als ein Volk von tapfern Männern,
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Ihn den jüngsten zu verehren.
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Und ein Merkmal übers andre
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Dringt sich auf, Beweis vollendend;
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Sich und den Gefährten hat er
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Die Persönlichkeit bestätigt.

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Nun, zur Höhle kehrt er wieder,
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Volk und König ihn geleiten. —
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Nicht zum König, nicht zum Volke
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Kehrt der Auserwählte wieder:
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Denn die Sieben, die von lang’ her,
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Achte waren’s mit dem Hunde,
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Sich von aller Welt gesondert,
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Gabriels geheim Vermögen
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Hat, gemäss dem Willen Gottes,
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Sie dem Paradies geeignet,
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Und die Höhle schien vermauert.

(Goethe, Johann Wolfgang von: West-östlicher Divan. Stuttgart, 1819.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Johann Wolfgang von Goethe
(17491832)

* 28.08.1749 in Frankfurt am Main, † 22.03.1832 in Weimar

männlich, geb. Goethe

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Dichter, Dramatiker, Naturforscher und Politiker (1749–1832)

(Aus: Wikidata.org)

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