Hatem

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Johann Wolfgang von Goethe: Hatem (1819)

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Kaum dass ich dich wieder habe
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Dich mit Kuss und Liedern labe,
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Bist du still in dich gekehret;
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Was beengt? und drückt und störet?

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Ach, Suleika, soll ich’s sagen?
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Statt zu loben möcht’ ich klagen!
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Sangest sonst nur meine Lieder,
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Immer neu und immer wieder.

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Sollte wohl auch diese loben,
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Doch sie sind nur eingeschoben;
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Nicht von Hafis, nicht Nisami,
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Nicht Saadi, nicht von Dschami.

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Kenn’ ich doch der Väter Menge,
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Sylb’ um Sylbe, Klang um Klänge,
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Im Gedächtniss unverloren;
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Diese da sind neu geboren.

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Gestern wurden sie gedichtet.
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Sag hast du dich neu verpflichtet?
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Hauchest du so froh-verwegen
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Fremden Athem mir entgegen!

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Der dich eben so belebet,
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Eben so in Liebe schwebet,
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Lockend, ladend zum Vereine
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So harmonisch als der meine.

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War Hatem lange doch entfernt,
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Das Mädchen hatte was gelernt,
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Von ihm war sie so schön gelobt,
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Da hat die Trennung sich erprobt.
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Wohl dass sie dir nicht fremde scheinen;
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Sie sind Suleika’s, sind die deinen!

(Goethe, Johann Wolfgang von: West-östlicher Divan. Stuttgart, 1819.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Johann Wolfgang von Goethe
(17491832)

* 28.08.1749 in Frankfurt am Main, † 22.03.1832 in Weimar

männlich, geb. Goethe

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Dichter, Dramatiker, Naturforscher und Politiker (1749–1832)

(Aus: Wikidata.org)

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