D ie P hantasie in lieben

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Christian Friedrich Hunold: D ie P hantasie in lieben (1702)

1
Wie offt verändern sich doch lieben und Gedancken?
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Ihr wunderlicher Trieb ist selten einerley:
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Bald führen sie den Geist in die verbuhlten Schrancken/
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Und zeigen/ daß daselbst die Lust unschätzbar sey/
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Bald lehren sie uns auch/ es wären Kinder possen/
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Und ein Verliebter sey mit Hasen-Schroot geschossen.

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Ein Mädgen muß hier offt ein schöner Engel heissen/
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Ein neues Himmelreich/ woran zwey Sonnen seyn/
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Die rundte Stirne kan wie Alabaster gleisen/
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Die Nase steht sehr wohl/ der Halß ist Helffenbein.
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Der Marmor kan noch nicht den weissen Zähnen gleichen/
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Der Schnee ist viel zu schwartz/ und muß den Brüsten weichen.

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Die Lippen können so wie Purpur Nelcken blühen/
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Die Rose wird beschämt vor ihren Wangen stehn/
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Ein Schwan/ wie weiß er ist/ muß vor dem Leibe fliehen/
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Der schlancke Fuß kan hier in schönster Zierde gehn.
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Man zürnet/ wer sie nicht ein Meister-Stück will nennen/
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Und wer nicht den Verstand vor himmlisch will erkennen.

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So ist das Conterfait im Hertzen ein gegraben/
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Biß unser Monden-Sinn die Farben anders macht:
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Die Hölle soll als denn kein solch Gespenste haben/
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So wie ein Laugen-Sack triefft nun der Augen-Pracht/
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Die Stirne scheinet krump und gleichet Ziegel-Steinen/
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Die Nasen solte man von zwantzig Pfunden meinen:

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Des Halses Helffenbein ist nun mit Ruß beschmieret/
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Die blancke Zähne sehn wie schwartzer Marmor aus/
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Der Saffran hat die Brust recht wunderschön gezieret/
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Und auf den Lippen wächst der beste Veilgen-Strauß/
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Narcissen gelber Art beblümen ihre Wangen/
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Der Leib kan wie die Haut des weissen Schwanes Prangen.

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Die Beine scheinen uns gekrümmet und gebogen/
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Bald ist der Schritt zu eng/ bald ist er gar zu weit/
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Da kömmt ein Wackel-Ar - im gehen aufgezogen/
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Der Kopff ist gantz gebückt/ der Leib ist wie ein Scheit.
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Wir wollen uns vor Zorn im Leibe fast zerreissen/
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Daß wir die Mißgeburth ein Meister-Stück geheissen.

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Erst fället mancher Narr zu ihren Füssen nieder/
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Und wird dem Affter-Pabst ein ketzerisches Rom.
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Gantz Babylon singt nicht so viele Klage-Lieder/
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So eine Wasser-Fluth hegt nicht der Sünden-Strohm/
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Als ein verliebtes Thier mit Seufftzern und mit Thränen
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Sich wil zu ihrer Gunst barmhertzge Wege bähnen.

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Doch läst er sich den Staar in dem Gehirne stechen/
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Und ist sein Sperlings-Kopff des schlimmen Schwindels frey/
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So kan er sich hernach des Lachens nicht entbrechen/
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Und speyet voller Grimm auff seine Raserey/
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Er wird dem Dinge gram/ so wie sich selbst zu wider/
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Und singt durch Schimpff und Schand der Thorheit Sterbe-
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Lieder.

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Zuvor sol uns Blick/ wie Stroh der Blitz entzünden/
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Die Brust steckt mehr voll Gluth/ als Aetna Feuer hegt.
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Da sol ihr schöner Arm mit solchen Stricken binden/
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Vor deren Festigkeit sich Simsons Stärcke legt.
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Ach Göttin! sprechen wir/ bey dir steht unser Leben/
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Wir Armen haben uns als Sclaven dir ergeben.

(Hunold, Christian Friedrich: Die Edle Bemühung müssiger Stunden. Hamburg, 1702.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Christian Friedrich Hunold
(16811721)

* 29.09.1681 in Wandersleben, † 16.08.1721 in Halle (Saale)

männlich, geb. Hunold

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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