Ehren-Gedichte

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Hans Assmann von Abschatz: Ehren-Gedichte (1704)

1
Was ist der kurtze Ruff/ der mit ins Grab versinckt/
2
Dafern er aus der Grufft nicht ewig widerschallet?
3
Ein schneller Blitz/ der zwar von Ost biß Westen blinckt/
4
Doch bald vergessen ist/ wenn drauff kein Donner knallet/
5
Ein Rauch/ der bald verfliegt/ ein Wind/ der bald verstreichet/
6
Ein Irrlicht/ dessen Schein für neuer Sonn erbleichet.

7
Wie bald verkocht in uns die Hand voll kühnes Blutt?
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Wie eilends pflegt das Tacht des Lebens auszubrennen/
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Noch Hand noch Schädel weist den edlen Geist und Mutt;
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Wer will den Zunder in der Todten-Asch erkennen?
11
Der/ welcher unser Lob erhalten soll auff Erden/
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Muß deß in kurtzer Zeit ein stummer Zeuge werden.

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Was hilffts deñ/ daß ein Mensch nach grossem Nahmen strebt/
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Wenn sein Gedächtnis nicht kan zu der Nachwelt dringen?
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Für Agamemnons Zeit hat mancher Held gelebt/
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Den seiner Tugend Preiß zun Sternen können bringen/
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Weil aber kein Homer zu ihm sich hat gefunden/
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Ist seiner Thaten Glantz in dunckler Nacht verschwunden.

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Braucht allen Aloe und Balsam alter Welt/
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Bemahlt/ nach Sothis Art/ die theuren Leichen-Kittel/
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Schnizt feste Cedern aus mit fremden Leim verquellt/
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Bezeichnet Tuch und Sarg mit Bildern großer Tittel;
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Wird nicht ein Oedipus die schwartze Brust entdecken/
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Bleibt im Verwesen doch eur Stand und Wesen stecken.

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Baut hohe Gräber auff/ bedeckt mit einer Last
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Von Jaspis und Porphyr die dorrenden Gebeine/
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Schreibt Nahmen/ Thun und Amt in Taffend und Damast/
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In Holtz/ in Gold und Ertz/ in festen Stahl und Steine;
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Zeit/ Moder/ Fäule/ Rost weiß alles zu entstalten:
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Des Nachruhms Ewigkeit ist anders zu erhalten.

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Sucht in des Cörpers Glutt für todten Nahmen Licht/
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Es wird sein Glantz so bald als diese Flamme schwinden.
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Ein unverzehrlich Oel/ wenn sein Gefässe bricht/
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Muß durch die Lufft berührt samt eurem Ruhm erblinden.
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Der Mahler pflegt sein Licht mit Schatten zu erhöhen:
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In schwartzen Schrifften bleibt die Tugend helle stehen.

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Weil in Pelaßger-Land die Künste hielten Hauß/
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Sind seine Lorbeer-Zweig auch unversehrt beklieben;
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Rom breit’te seinen Ruhm durch Schwerdt und Feder aus:
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Was Cäsar hat gethan/ das hat er auch geschrieben.
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Der Deutschen Dichterey/ der Barden Helden-Lieder
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Belebten Mannus Geist/ Tuiscons Asche wieder.

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Wem wär Epaminond/ ohn kluge Schrifft/ bekandt?
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Wer wolte nach Athens und Spartens Fürsten fragen?
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Wo bliebe Lysimach/ der Leuen überwand?
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Würd auch die Welt was mehr vom Großen Grichen sagen?
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Es hätt ihr Nahme längst/ wie sie/ vermodern müssen/
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Wenn sie kein weises Buch der Sterbligkeit entrissen.

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Izt wär Horatius auff beyden Augen blind/
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Die Flamme kühner Hand/ die sich so frey vergriffen
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Und freyer noch gestrafft/ verrauchet in den Wind/
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Duil umsonst/ so offt er Essen gieng/ bepfiffen/
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Roms Schutz-Stab/ Scipio/ verfaulet und zerbrochen/
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Wenn nicht ein Livius für sie das Wort gesprochen.

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Doch weil der Eitelkeit ein enges Ziel gesteckt/
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Weil Bücher auch vergehn/ und Ehren-Säulen wancken/
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Siegs-Zeichen fallen um/ und Grauß den Marmel deckt/
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Weil Schrifften sich verliern aus Augen und Gedancken/
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Muß sie ein kluger Geist zu Zeiten wieder regen/
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Und auff die alte Müntz ein neues Bildnis prägen.

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Eh Guttenberg die Kunst zu schreiben ohne Kiel/
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Zu reden für das Aug und Wörter abzumahlen
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In Deutschland auffgebracht/ als nur ein Rohr vom Ril/
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Als Leinwand oder Wachs/ als Blätter oder Schalen/
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Als eines Thieres Haut allein gedient zu Schrifften/
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Wer konte da der Welt ein lang Gedächtnis stifften?

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Wie sind Polybius und Dio mangelhafft?
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Was hat uns nicht die Zeit vom Tacitus genommen/
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Vom Curtius geraubt/ vom Crispus weggerafft/
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Was ist vom Ammian in unsre Hände kommen?
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Viel andre haben zwar von andern viel geschrieben/
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Ihr Nahmen aber selbst ist uns kaum übrig blieben.

73
So hat der leichte Wind vorlängst davon geführt
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Was Libis auffgesezt/ die Barden abgesungen.
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Wo wird der zehnde Theil von diesem mehr gespürt/
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Was noch zu Celtens Zeit geschwebt auff tausend Zungen?
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Und muß/ was übrig ist/ nicht vollends untergehen/
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Weil kaum der Deutsche mehr den Deutschen kan verstehen?

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Manch Ritter edlen Blutts besang was er gethan/
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Ob gleich sein Helden-Reim nicht klang in zarten Ohren/
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Man trifft von alter Zeit mehr als ein Merckmahl an/
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Daß unser Schlesien zur Dichterey gebohren/
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Wann selber dessen Fürst/ ein Heinrich/ uns sein Lieben
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(und anders mehr vielleicht) in Liedern hat beschrieben.

85
Die Stücke sind zwar schlecht die auff uns kommen seyn/
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Und kan man wenig Licht in solchem Schatten finden/
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Die Funcken geben bloß aus bleichen Kohlen Schein/
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Doch sind sie unsern Sinn noch fähig zu entzünden:
89
Und daß die Kinder auch/ was Ahnen thäten/ lernen/
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So muß ein neuer Glantz ihr dunckles Grab besternen.

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Ein Fremder schreibt von uns mit ungewisser Hand/
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Sieht mit geborgtem Aug’ und redt mit andrem Munde/
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Ihm ist des Landes Art und Gegend unbekandt/
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Gemeiner Wahn und Ruff dient ihm zum falschen Grunde.
95
Offt nimmt er Ort für Mann/ und/ was er recht soll nennen/
96
Wird doch der Landsmann kaum in seiner Sprache kennen.

(Abschatz, Hans Assmann von: Poetische Ubersetzungen und Gedichte. Leipzig, 1704.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Hans Aßmann Freiherr von Abschatz
(16461699)

* 04.02.1646 in Q7999247, † 22.04.1699 in Legnica

männlich

deutscher Barocklyriker und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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