I. Romanze

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Clemens Brentano: I. Romanze (1806)

1
Vorüber zieht manch edler Aar,
2
Herr Peter ein theurer Ritter war,
3
Er war so keusch, er war so rein,
4
Wie seines Antlitz edler Schein,
5
Er war bereit zu jeder Zeit,
6
Zu Schimpf, zu Ernst, zu Lust, zu Streit.

7
In junger Kraft, in fremdem Land,
8
Sein Mannheit machte ihn bekannt,
9
Als er nach Hause kehrt zurück,
10
Bedenkt in sich sein hohes Glück,
11
Langsam zur Burg hinauf thut reiten,
12
Was sieht sein Knecht zu einer Seiten?

13
Er sieht ein schönes Weib da sitzen,
14
Von Gold und Silber herrlich blitzen,
15
Von Perlen und von Edelstein,
16
Wie eine Sonne reich und rein,
17
Der Knecht winkt seinen Herrn zu sich:
18
„gern diente dieser Fraue ich!“

19
Der Ritter grüßt in großer Zucht,
20
Er drückt an sich die edle Frucht:
21
„ihr seyd es Ritter, edler Herr,
22
„das Wunder das mich treibet her,
23
„in allen Landen, wo ihr wart,
24
„hab ich euch glücklich stets bewahrt.“

25
„kein schöner Weib hab ich erblickt,
26
„ich lieb euch wie es aus mir blickt.
27
„ich sah euch oft im tiefsten Traum,
28
„jezt glaub ich meinen Sinnen kaum,
29
„wollt Gott, ihr wärt mein ehlich Weib,
30
„in Ehren dient ich eurem Leib.“

31
„nun so wohl hin, sprach da die Zart:
32
„auf diese Red hab ich gewart,
33
„ich zog dich auf mit Liebeskraft,
34
„die alles wirkt, die alles schafft,
35
„ich bin die Deine, ewig dein,
36
„doch must du auch der Meine seyn.

37
„nie darfst du nehmen ein ander Weib,
38
„dir eigen ist mein schöner Leib,
39
„in jeder Nacht, wo du begehrst,
40
„und Macht und Reichthum dir beschert,
41
„ein ewig endeloses Leben,
42
„will ich durch meine Kraft dir geben.

43
„unangefocht wirst du nicht bleiben,
44
„man wird dich treiben, dich zu weiben,
45
„wo dus dann thust, red ich ohn Zagen,
46
„so bist du todt in dreyen Tagen;
47
„sieh weg von mir und denke nach,
48
„was dir dein eignes Herze sagt.“

49
„nun herzigs Weib ist dem also,
50
„so werdet meiner Treue froh,
51
„was soll ich für ein Zeichen haben,
52
„daß ihr von mir wollt nimmer lassen?“
53
„so trag von mir den goldnen Ring,
54
„vor Unglück schützet dich der Ring.“

55
Mit spielendem Kuß er Abschied nahm,
56
Zur Messe er nach Nußbach kam,
57
Da ging er mit den Kreuzer auch,
58
Und nahte sich dem Weiherauch,
59
Sein Leib und Seel er Gott befahl,
60
Er sollt ihn schützen überall.

61
Als er auf Stauffenberg nun kam,
62
Schnell sprang da ab der edle Mann,
63
Ein jeder wollt ihn sehen, hören,
64
Ein jeder wollt ihn höher ehren,
65
Von seinen Dienern große Eil,
66
Von Fraun und Mädchen groß Kurzweil.

67
Zu Bette trachtet nur der Herr,
68
Nach seiner Frau verlangt er sehr,
69
Viel herrlich Rauchwerk ward gemacht,
70
Das Bett verhängt mit großer Pracht,
71
Den Dienern bald erlauben thät,
72
Daß sie sich legten all zu Bett.

73
Er zog sich ab, sezt sich aufs Bett,
74
Und zu sich selber also redt:
75
„o hätt ich sie im Arm allein,
76
„die heut ich fand auf hohem Stein!“
77
Als er die Worte kaum noch sprach,
78
Die Schöne er mit Augen sah.

79
Viel froher Minne sie begehn,
80
Sie mochten einander ins Herze sehn,
81
Wenn einer thät dem nachgedenken,
82
So möchte ihn wohl die Sehnsucht kränken.
83
Als er erwachte, glaubt ers kaum,
84
Er fand den Ring, sonst wars ein Traum.

85
„ihr wisset nun zu dieser Frist,
86
„daß unser Geschlecht im Abgang ist,
87
„so nehmt ein Weib, berühmt und reich,
88
„ihr seyd schon jedem Fürsten gleich,
89
„wir bringen euch viel Fräulein schön,
90
„die euch gar gerne alle sehn.“

91
Herr Peter war erschrocken sehr,
92
Sein Bruder schweigt, da sprach der Herr:
93
„ich dank euch edle Brüder mein,
94
„doch kann es also noch nicht seyn,
95
„zur Kaiserkrönung geh ich hin,
96
„nach Ruhm und Ehre steht mein Sinn.“

97
Die Meerfey gab ihm diesen Rath,
98
Sie hat es ihm voraus gesagt,
99
Sie giebt ihm Gold und edlen Schmuck,
100
Wie keiner ihn so herrlich trug,
101
Sie küsset ihn und warnet ihn,
102
Daß er sich nicht geb Weibern hin.

103
Der Zierlichste meinte ein jeder zu seyn,
104
Der Stauffenberger zog auch ein,
105
Seins Gleichen war zugegen nicht,
106
Der so zierlich einher ritt,
107
Der König nahm sein eben wahr,
108
Dazu die Frauen ernsthaft gar.

109
Trommeten fingen an zu blasen,
110
Die Pferde fingen an zu tosen,
111
Da lustig ward so Roß als Mann,
112
Wie das Turnier gefangen an,
113
Herr Peter alle darnieder rennt,
114
Er macht dem Rennen bald ein End.

115
Als nun der Abend kam herbey,
116
Von neuem ging Trommetenschrey,
117
Als sie zu Hof gegessen hatten,
118
Den fürstlichen Tanz sie allda thaten,
119
Des Königs Base schön geziert,
120
Den ersten Dank in Handen führt.

121
Von Gold und Perlen diesen Kranz,
122
Dem Ritter sezt sie auf zum Tanz,
123
Thät auf das gelbe Haar ihm setzen,
124
Thät freundlich ihm den Finger pfetzen,
125
Gab ihre Lieb ihm zu verstehn,
126
Durch manchen Blick schön anzusehn.

127
Der König lag in seinem Bett,
128
Des Nachts seltsam Gedanken hätt,
129
Und seine Gedanken gingen ein
130
In seiner Base Schlafkämmerlein,
131
Und immer schwerer kamen wieder,
132
Wie Bienen ziehn vom Schwärmen nieder.

133
Am Morgen schickt er seinen Zwerg,
134
Zu Peter Herrn von Stauffenberg:
135
„die Base mein von hoher Art,
136
„die Fürstin, jung und reich und zart,
137
„die will ich geben euch zum Weib,
138
„mit ihrem Kärntnerland und Leut.“

139
Kein Wort kam aus des Ritters Mund,
140
Erschrocken stand er da zur Stund:
141
„mein Red halt mir für keinen Spott,
142
„und nimm hiemit zu Zeugen Gott,
143
„daß es mein ewger Ernst fürwahr,
144
„daß euer die Fürstin ganz und gar.“

145
Herr Peter sprach mit großen Treuen,
146
Der hohe Lohn könnt ihn nicht freuen,
147
Wie er der Meerfey schon verlobt,
148
Der Untreu sey der Tod gelobt,
149
Sonst sey er frey von Noth und Leid,
150
Mit Gut und Geld von ihr erfreut.

151
„weh eurer Seele an dem Ort,
152
„sie ist verloren hier und dort,
153
„seht Gottes Auge nimmermehr,
154
„wenn ihr euch nicht von ihr abkehrt;
155
„sollt ihr 'nen Geist zum Weibe haben,
156
„nie werden euch die Kinder laben.

157
„dem Teufel seyd ihr zugesellt,
158
„ihr armer Mann! Ihr theurer Held!“
159
So sprach der Bischof und der König,
160
Der Ritter sagt darauf zum König:
161
„es geht mir tief zu meinem Herzen,
162
„und Gottes Gnad will nicht verscherzen.“

163
Herr Peter ward verlobt sogleich,
164
An Gold und edlen Steinen reich,
165
O heller Glanz der Jungfrau fein,
166
Wem strahlet er mit Freudenschein.
167
Nach Stauffenberg sie ziehen fort,
168
Zu feyern ihre Hochzeit dort!

169
Ihr düstren Wälder auf dem Wege,
170
Was streckt die Aeste ihr entgegen,
171
Viel froher Schaaren ziehen ja,
172
Mit hellem Klange fern und nah,
173
Mit bunten Bändern, Scherz und Streit,
174
Ist alles Lust, ist alles Freud.

175
Auf Stauffenberg zur ersten Nacht,
176
Zur schönen Frau sein Herze dacht,
177
Alsbald an seinem Arme lag,
178
Die sein mit steten Treuen pflag,
179
Sie weinte, sprach: „Nun wehe dir,
180
„du folgtest gar zu wenig mir.

181
„daß du ein Weib nimmst zu der Eh,
182
„am dritten Tag du lebst nicht mehr,
183
„ich sag dir was geschehen muß,
184
„ich lasse sehen meinen Fuß,
185
„den sollen sehen Frau und Mann,
186
„und sollen sich verwundern dran.

187
„so nun dein Aug den auch ersieht,
188
„so sollst da länger säumen nicht,
189
„denn es sich immer anders wendt,
190
„empfangt das heilge Sakrament,
191
„du weist, daß ich dir Glauben halten,
192
„auf ewig sind wir nun zerspalten.“

193
Mit nassem Aug sie zu ihm sprach:
194
„herr denket fleißig nach der Sach,
195
„ihr dauret mich im Herzen mein,
196
„daß ich nicht mehr kann bey euch seyn,
197
„daß mich nun nimmer sieht ein Mann,
198
„ich fall in ewger Liebe Bann.“

199
Dem Ritter liefen die Augen über:
200
„soll ich denn nie dich sehen wieder,
201
„so seys geklagt dem höchsten Gott,
202
„der ende balde meine Noth,
203
„ach daß ich je zu Ruhm gekommen,
204
„daß mich ein fürstlich Weib genommen.“

205
Sie küßte ihn auf seinen Mund,
206
Sie weinten beide zu der Stund,
207
Umfingen einander noch mit Lieb,
208
Sie drückten zusammen beyde Brüst:
209
„ach sterben das ist jezt euer Gewinn,
210
„ich nimmermehr wieder bey euch bin!“

211
Kein Hochzeit je mit solcher Pracht,
212
Gehalten ward bis tief in die Nacht,
213
Viel Lieder und viel Saitenspiel,
214
Man hörte in dem Schlosse viel,
215
Und alles bey dem Tische saß,
216
Man war da fröhlich ohne Maaß.

217
Sie saßen da im großen Saal,
218
Alsbald da sah man überall,
219
Die Männer sahens und die Frauen,
220
Sie konnten beyde es anschauen,
221
Wie etwas durch die Bühne stieß,
222
Ein Menschen-Fuß sich sehen ließ.

223
Blos zeigt er sich bis an die Knie,
224
Kein schönern Fuß sie sahen nie,
225
Der Fuß wohl überm Saal erscheint,
226
So schön und weiß wie Elfenbein,
227
Der Ritter still saß bey der Braut,
228
Die schrie auf und schrie laut.

229
Der Ritter, als er den Fuß ersah,
230
Erschrack er und ganz traurig sprach:
231
„o Weh, o Weh, mir armem Mann!“
232
Und wurde bleich von Stunde an.
233
Man bracht ihm sein kristallnes Glas,
234
Er sah es an und wurde blaß.

235
Er sah in dem kristallnen Pokale,
236
Ein Kind das schlief beym lauten Mahle,
237
Es schlief vom Weine überdeckt,
238
Ein Füßchen hat es vorgestreckt,
239
Doch wie der Wein getrunken aus,
240
So schwand das Kindlein auch hinaus.

241
Der Ritter sprach: „Der großen Noth,
242
„in dreyen Tagen da bin ich todt.“
243
Der Fuß, der war verschwunden da,
244
Ein jeder trat der Bühne nah,
245
Wo doch der Fuß wär kommen hin,
246
Kein Loch sah man da in der Bühn.

247
All Freud und Kurzweil war zerstört,
248
Kein Instrument wurd nimmer gehört,
249
Aus war das Tanzen und das Singen,
250
Turnieren, Kämpfen, Fechten, Ringen,
251
Das alles still darnieder leit,
252
Die Gäste fliehn in die Felder weit.

253
Die Braut nur bleibt bey ihrem Mann,
254
Der Ritter sieht sie traurig an;
255
„gesegne dich du edle Braut,
256
„du beibest bey mir, hast mir vertraut.“
257
„durch mich verliert ihr euer Leben,
258
„in geistlichem Stand will ich nun leben.“

259
Das heilge Oel empfing er dann,
260
Nach dreyen Tagen rief der Mann:
261
„mein Herr und Gott in deine Händ,
262
„ich meine arme Seele send,
263
„mein Seel thu ich befehlen dir,
264
„ein sanftes Ende giebst du mir.“

265
Ein Denkmahl ward ihm aufgericht,
266
Von seiner Frau aus Liebespflicht,
267
Dabey sie baut die Zelle klein,
268
Und betet da für ihn so rein:
269
Oft betend kam die Meerfey hin,
270
Sie sprach mit ihr aus gleichem Sinn.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Clemens Brentano
(17781842)

* 08.09.1778 in Koblenz-Ehrenbreitstein, † 28.07.1842 in Aschaffenburg

männlich, geb. Brentano

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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