Die Ausgleichung

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Clemens Brentano: Die Ausgleichung (1806)

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Der König über Tische saß,
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Ihm dienten Fürsten, Herren,
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Viel edle Frauen schön und zart,
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So saßen sie paarweis.
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Da man das erste Essen aß,
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Da kam in hohen Ehren,
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Ein Mädchen jung, von edler Art,
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Also in kluger Weis.

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Den Becher, den sie schwebend hält,
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Von Golde ausgetrieben,
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Der Königin sie reicht ihn dar,
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Die Königin schenkt ein,
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Ihn vor den König liebreich stellt:
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„das trink auf treue Liebe!“
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Da kommt ein Knab mit gelbem Haar,
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Trägt einen Mantel fein.

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Der König biethet dar sogleich
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Den Mantel weiß und eben,
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Der Königin als Ehren-Dank:
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„wie schön wird er dir stehn!“
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Drauf will er trinken alsogleich,
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Da sprizt der Wein daneben,
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Sie will den Mantel legen an,
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Der Mantel steht nicht schön.

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Der König und die Königin
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Verwundern sich gar sehre,
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Der König sieht den Becher an,
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Den Mantel sie ablegt;
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Da fanden sie dann beyder Sinn,
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Geschrieben hell und here:
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„nur treue Lieb draus trinken kann.“
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„die Treu den Mantel trägt.“

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Der Königin bracht ein Zwerglein klein,
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Des Bechers Goldgemische,
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Dem König lehrt die Feye sein,
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Des Mantels alten Brauch;
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Der Schimpf soll nun auch allen seyn,
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Und Herrn und Fraun am Tische
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Versuchten auch den Becher Wein,
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Den Mantel also auch.

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Den Herren wird der Bart so naß,
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Der Mantel Fraun entstellet,
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Bis auf die jüngste Fraue schön,
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Dem ältsten Herrn vertraut,
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Dem wird der weiße Bart nicht naß,
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Der Mantel leicht gesellet
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Sich jedem Bug der Fraue schön,
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Daß man treu Lieben schaut.

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Den Becher läst der König gleich
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Dem Ritter voller Treue,
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Die Königin das Mäntelein,
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Der Fraue, die ihn trug,
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Zum Zwerglein ward der Ritter gleich,
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Sein Fräulein wird zur Feye,
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Den Becher und den Mantel fein,
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Sie nahmen voller Trug.

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Sie gossen aus den Becher Wein,
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Ein Tröpflein auf den Mantel,
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Und gaben ihn der Königin,
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Den Becher leer dem König.
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Gleich trank der König daraus Wein,
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Der Königin paßt der Mantel,
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Vergnügt ward da die Königin,
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Vergnügt ward da der König.

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Nun prunkten sie noch manches Jahr,
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Mit Becher und mit Mantel,
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Und jeder Ritter trank ihn wohl,
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Er stand wohl jeder Frau.
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Doch wuchs mit jedem neuen Jahr,
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Der Flecken in dem Mantel,
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Der Becher klang wie Blech so hohl,
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Sie stellten beydes zur Schau.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Clemens Brentano
(17781842)

* 08.09.1778 in Koblenz-Ehrenbreitstein, † 28.07.1842 in Aschaffenburg

männlich, geb. Brentano

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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