Der Schäfer

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Clemens Brentano: Der Schäfer (1806)

1
Mond des Himmels treib zur Weide
2
Deine Schäflein gülden gelb,
3
Auf gewölbter blauer Heide
4
Laß die Sterne walten selbst,
5
Ich noch neulich so thät reden,
6
Da zu Nacht ein schwacher Hirt,
7
Aller Wegen, Steg und Pfäden,
8
Sucht ein Schäflein mit Begierd.

9
Und der Mond hört' was ich sagte,
10
Nahm ein lind gestimmtes Rohr:
11
Das er blasend zärtlich nagte,
12
Spielte seinen Sternen vor.

13
Auf ihr Schäflein, auf zur Heiden
14
Weidet reines Himmelblau,
15
Daß nachher, wenn wir hier scheiden,
16
Von euch fließt der Morgenthau.

17
Ach wer aber dort im Garten
18
Liegt mit seinem Hirtenstab!
19
Wer will seiner dorten warten!
20
Schaut ihr Sternlein, schaut herab,
21
Haltet, haltet, ich nicht fehle:
22
Es ist Daphnis wohl bekannt.
23
Eja, Daphnis, mir erzähle,
24
Daphnis, was will dieser Stand?

25
Weidet meine Schäflein, weidet!
26
Ich mit ihm noch reden muß,
27
Weidet meine Sterne, weidet!
28
Daphnis liegt in harter Buß,
29
Daphnis thu' die Lippen rühren,
30
Eja, nicht verbleibe stumm,
31
Daphnis, laß dich dannen führen,
32
Eja, nicht verbleibe stumm.

33
Weidet meine Schäflein, weidet,
34
Daphnis liegt in Aengsten groß,
35
Daphnis Pein und Marter leidet,
36
Wollt', er läg im Mutterschos!
37
Er dem Felsen liegt in Armen,
38
Liegt auf harten Steinen bloß:
39
Ach dort wird er nie erwarmen!
40
Fürcht, daß er sein Haupt zerstoß.

41
Weidet meine Schäflein, weidet,
42
Daphnis spaltet mir das Herz:
43
Wer mag haben ihn beleidet?
44
Weinen möchten Stein und Erz;
45
Kalter Wind, halt ein die Flügel,
46
Rühre nicht das kranke Blut,
47
Meide jenen Berg und Hügel,
48
Daphnis liegt ohn Schuh und Hut.

49
Weidet meine Schäflein, weidet,
50
Daphnis leidet Angst und Noth,
51
Daphnis dopple Thränen weinet,
52
Perlen weiß, Korallen roth.
53
Perlen von den Augen schießen,
54
Schießen hin ins grüne Gras.
55
Von dem Leib Korallen fließen,
56
Fließen in den Boden bas.

57
Weidet meine Schäflein, weidet,
58
Niemand hats gezählet gar,
59
Niemand hat es ausgekreidet,
60
Wie die Zahl der Tropfen war,
61
Nur der Boden wohl erquicket,
62
Durch den weiß und rothen Trank,
63
Dankend ihm entgegen schicket,
64
Rosen roth, und Lilien blank.

65
Weidet meine Schäflein, weidet,
66
Daphnis tief in Aengsten liegt,
67
Duft noch Farben unterscheidet,
68
Achtet keiner Blümlein nicht.
69
O was Marter mir erscheinet!
70
Hör zu bluten einmal auf,
71
Ach es ist genug geweinet.
72
Nicht mit Blut die Blümlein tauf.

73
Weidet meine Schäflein, weidet,
74
Wer doch hat es ihm gethan?
75
Niemand meine Frag bescheidet.
76
Du mir Daphnis, zeig es an.
77
Daphnis kann für Leid nicht sprechen,
78
Seufzet manchen Seufzer tief,
79
Ihm das Herz will ganz zerbrechen,
80
Ach daß niemand helfend lief.

81
Weidet meine Schäflein, weidet,
82
Schon ein englisch Edelknab,
83
Stark durch Luft und Wolken schneidet,
84
Eilet hin in vollem Trab,
85
Er ihm singet süße Reimen,
86
Mit gar süßem Stimmlein schwank,
87
Auch den Kelch nicht thut versäumen,
88
Zeiget einen Kräutertrank.

89
Weidet meine Schäflein, weidet,
90
Alles, alles ist umsonst,
91
Er doch allen Trost vermeidet,
92
Sang und Becher bleibt umsonst.
93
O du frommer Knab von oben,
94
Du nur mehrest ihm die Pein,
95
Doch ich deine Treu muß loben,
96
Gott! dirs muß geklaget seyn.

97
Weidet meine Schäflein, weidet,
98
O der traurig fromme Hirt!
99
Er den Becher jetzund meidet,
100
Morgen ihn es reuen wird,
101
Er sich jezt gar will befreien,
102
Weigert, was man trinket zu,
103
Dürft vielleicht wohl morgen schreien:
104
Ach wie sehr mich dürstet nun!

105
Weidet meine Schäflein, weidet,
106
Daphnis bleibet schmerzenvoll,
107
Ich befehle euch entkleidet,
108
Reisset aus die güldne Woll,
109
Nur euch kleidet pur in Kohlen,
110
Pur in lauter schwarz Gewand,
111
Von dem Scheitel auf die Sohlen
112
Euch gebühret solcher Stand.

113
Weidet meine Schäflein,
114
Daphnis führet starkes Leid,
115
Ist vom Vater hoch vereidet,
116
Hoch, mit wohl bedachtem Eid,
117
Er doch wollte wieder bringen,
118
Ein verloren Schäflein sein,
119
Ach wenn sollte das mißlingen,
120
Er ja stürb für lauter Pein.

121
Weidet meine Schäflein, weidet,
122
Daphnis wird verfolget stark.
123
Bös Gesinde ihn beneidet,
124
Trachtet ihm nach Blut und Mark.
125
O was dorten, was für Stangen,
126
Wehr und Waffen nehm ich wahr!
127
O vielleicht will man ihn fangen,
128
Wahrlich, wahrlich, ist Gefahr!

129
Weidet meine Schäflein, weidet,
130
Sprechen wollte bleicher Moud,
131
Ja nicht weidet, sondern scheidet,
132
Er da sprach, und wollte gehn,
133
Scheidet, scheidet, meine Schaaren,
134
Kann vor Leid nicht schauen zu,
135
Dich nun wolle Gott bewahren,
136
Daphnis wer kann bleiben nun!

137
Drauf Ade der Mond wollt spielen,
138
Da zersprang das matte Rohr:
139
Augentropfen ihm entfielen,
140
Hüllte sich in Trauerflor.
141
Und weil eben dazumahlen,
142
Er trat an in vollem Schein,
143
Gleich vertauschet er die Strahlen,
144
Vollen Schein, gen volle Pein.

145
Auch die Sterne weinen, kamen
146
Gossen ab all ihren Schein,
147
Schein und Thränen flossen sammen,
148
Reihn zum blauen Feld hinein,
149
Machten eine weiße Straßen,
150
So noch heut man spüren mag:
151
Dann der Milchweg hinterlassen,
152
Ist der schönsten Thränen Bach.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Clemens Brentano
(17781842)

* 08.09.1778 in Koblenz-Ehrenbreitstein, † 28.07.1842 in Aschaffenburg

männlich, geb. Brentano

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.