Ringlein und Fähnlein

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Clemens Brentano: Ringlein und Fähnlein (1806)

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Vor Tags ich hört, in Liebes Port, wohl diese Wort
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Von Wächters Mund erklingen:
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„ist Jemand je, verborgen hie, der achte wie
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„er mög' hindannen sprengen,
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„der Tag gar hell, will kommen schnell,
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„wer liebend ruht, in Frauen Hut,
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„laß bald das Bett erkalten.“

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„das Firmament, schnell und behend, von Orient,
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„im weissen Schein herpranget,
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„fürwahr ich sag', aus grünem Hag, der Lerchen Schlag,
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„den jungen Tag empfanget.
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„drum eil' vom Ort, wer noch im Hort
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„der Liebe sey, eh Jammers-Schrei
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„den Muth ihm mög zerspalten.“

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Des Wächters Kund in Herzensgrund mich tief ver-
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Und all mein Freud zerstöret,
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Des Lichtes Neid, will daß ich scheid, hör süße Maid,
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Sie will vor Leid nicht hören!
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Sich zu mir schmückt, gar schämlich blickt,
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Und nicht mehr schlief, gar schnell ich rief:
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„ach Gott, wir han verschlafen!“

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Zur Hand sich ragt, die werthe Magd, hierauf sie
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„gut Wächter laß dein Schimpfen!
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„um alle Welt, den Tag nicht meld, eh daß das Feld
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„in kühlem Thau thut glimmen.
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„die Zeit ist klein, daß ich und mein
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„geselle gut, hie han geruht
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„in ehrenreicher Wonne.“

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Der Wächter sprach: „Frau thu zur Sach, denn
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„hat kühler Thau umgeben,
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„seit du nun hast ein fremden Gast, so hab nicht Rast,
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„heiß' ihn von dannen streben.
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„ich seh manch Thier in dem Revier
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„von Hohl zu Hohl ja schlüpfen wohl,
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„das zeiget mir die Sonne.“

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Erst ward zur Stund, uns Jammer kund im Freu-
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Da wir den Tag ansahen,
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Wohl Mund an Mund, gar süß verwundt im Kuß ge-
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sund,
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Und liebliches Umfahen,
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Ward Liebes-Scherz in Scheidens-Schmerz,
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Gar treu getheilt und schnell ereilt.

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Ach edle Frucht du weiblich Zucht, hin auf die
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Muß ich mich leider kehren,
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Gott durch sein Güt, dir wohl behüt dein rein Gemüth,
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Dein Heil mög er dir mehren,
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Fürwahr ich will, bis an mein Ziel,
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Dein Diener seyn, Gnad! Fraue mein,
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Mit Wissen will ich scheiden.

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Allda zur Hand, ihr Händ sie wand, mehr Leids ich
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Ihr Aeuglein wurden fließen,
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Traut Buhle hör, was ich begehr, bald wiederkehr,
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Der Treu laß mich genießen;
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Das gelobt ich ihr, sie sprach zu mir:
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„ich hab dich hold, vor allem Gold,
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„mir kann dich niemand leiden.“ (d. h. verleiden.)

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Ein Fingerlein, von Edelstein, aus ihrem Schrein,
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Gab mir die süße Fraue,
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Des Schloßs ein End, sie mit mir rennt, bis ich mich
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An einer grünen Aue,
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Sie ließ wohl hoch, so lang sie noch
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Mich konnt ersehn, ihr Tüchlein wehn,
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Dann schrie sie laut: „O Waffen!“

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Seit macht mit Fleiß, jed Fähnlein weiß, im Kampfe
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Mich ihrer Lieb gedenken,
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Auf Todes-Au, in rothem Thau, seh ich mein Frau,
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Ihr Tüchlein traurig schwenken;
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Den Ring ich schau, ich stech und hau,
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Hindurch ich dring und zu ihr sing:
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„mein Leib ist dir behalten.“

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Clemens Brentano
(17781842)

* 08.09.1778 in Koblenz-Ehrenbreitstein, † 28.07.1842 in Aschaffenburg

männlich, geb. Brentano

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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