Cedron 's Klage

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Clemens Brentano: Cedron 's Klage (1806)

1
Da nun Abends in dem Garten,
2
Daphnis überfallen war,
3
Und nun keinen Grimm ersparte,
4
Stark bewehrte Mörderschaar,
5
Hube süßlich an zu weinen,
6
Ein so gar berühmter Bach,
7
Ließ die liebe Sternen scheinen,
8
Er dem Daphnis trauret nach.

9
Cedron hieß der Bach mit Namen,
10
Wohnt an einem hohen Stein:
11
Oft zu ihm Gesellen kamen,
12
Damals war er doch allein,
13
Saß in seinen grünen Grüften,
14
Strählet seine Binsenhaar,
15
Spielet gar mit sanften Lüften,
16
Dacht an keine Kriegsgefahr.

17
Rohr, und Gras, und Wasserblätter,
18
Deckten seine Schulter bloß,
19
Stark er sich bey feuchtem Wetter,
20
Lehnt auf seinen Eimer groß,
21
Doch weil er fast müd gelaufen,
22
Dazumal in starkem Trab,
23
Er ein wenig wollt verschnaufen,
24
Goß den Eimer langsam ab.

25
Nahm ein Röhrlein wohl geschnitten,
26
Spielet seinen Wässerlein,
27
Sie zum Schlafen thät er bitten,
28
Wollt sie süßlich saufen ein:
29
Eya, meine Wässer schlafet,
30
Schlafet meine Wässerlein,
31
Nicht mit Augen immer gaffen,
32
Eya, schlafet, schlafet ein.

33
Kaum nun waren eingeschlafen
34
Seine matten Wässerlein,
35
Bald erklungen Wehr und Waffen,
36
Flamm und Fackel gaben Schein,
37
Nur von tollen vollen Knechten,
38
Voll war alles überall,
39
Nur von Jauchzen, Springen, Fechten,
40
Thal und Ufer gaben Schall.

41
Cedron erstens gar erschrecket,
42
War der Waffen ungewohnt,
43
Bald er seine Wasser wecket,
44
Wollte der Gefahr entgehn,
45
Wie die Pfeil vom Bogen zielen,
46
Lief er ab, auf nasser Meil,
47
Rohr und Eimer ihm entfielen,
48
Fiel auch selbst in blinder Eil.

49
Doch weil nachmals er verspüret,
50
Es nicht wider ihn gemeint,
51
Und nur Daphnis werd geführet,
52
Daphnis vom bekannten Feind;
53
Ließ er ab von strengem Laufen,
54
Fasset eine Weidenruth,
55
Seine Wasser trieb zu Haufen
56
Und beklagt das junge Blut.

57
Traurig hub er an zu klagen,
58
Bließ auf einem holen Ried,
59
Herz und Muth ihm war zerschlagen,
60
Sang mit Schmerzen folgend Lied:
61
Ach, und ach, nun muß ich klagen,
62
Daphnis, o du schönes Blut!
63
Ach, und ach, bin gar zerschlagen,
64
Brochen ist mir Herz und Muth.

65
Daphnis, o du schöner Knabe,
66
Daphnis mir so lang bekannt,
67
Oft bey mir du schnittest abe,
68
Ried, und Röhrlein allerhand,
69
Viel du deren hast verschlißen,
70
Wann du spielest deiner Heerd,
71
Seind im Blasen viel zersplißen,
72
Waren mehr denn Goldes werth.

73
Oft bey mir die Weide nahmen,
74
Deine Schäflein silberweiß,
75
Oft zu mir auch trinken kamen,
76
In den Sommertagen heiß,
77
Wann dann spieltest deinen Schaafen,
78
Und die Röhrlein bliesest an,
79
Gunten meine Wässer schlafen,
80
Wankten oft von rechter Bahn.

81
Auch die Wind sich gunten legen,
82
Banden ihre Flügel ab,
83
Kaum den Athem thäten regen,
84
Wie dann oft gespüret hab,
85
Auch die Schaaf mit Lüsten aßen,
86
Süßer wurden Laub und Gras,
87
Ja des Weidens oft vergaßen,
88
Deine Stimm viel süßer was.

89
Auch die Vöglein kamen fliegen,
90
Kam auch manche Nachtigal,
91
Deinem Spielen, will nicht lügen,
92
Hörten zu mit großer Zahl,
93
Saßen gegen deine Geige,
94
Saßen dir auf deinem Rohr,
95
Thäten ihnen freundlich neigen,
96
Dann das link, dann rechtes Ohr.

97
Schöne Sonn, du deinen Wagen,
98
Ließest in gar lindem Lauf,
99
Wann bey reinen Sommertagen,
100
Dir nur Daphnis spielet auf,
101
Schöner Mond, du deine Sternen
102
Morgens führtest ab zu spät,
103
Wann auch Daphnis dir von Ferne,
104
Je zu Nachten spielen thät.

105
Schöne Sonn magst nunmehr trauren,
106
Daphnis dir nicht spielet mehr,
107
Daphnis ist von bösen Laurern
108
Hingerückt ohn Wiederkehr;
109
Schöner Mond magst nunmehr klagen,
110
Daphnis rastet im Verhaft,
111
O des schweren Eisenkragen!
112
O der kalten Kettenkraft.

113
Mond und Daphnis, ihr allbeiden
114
Oft enthieltet euch vom Schlaf,
115
Kamet in Gesellschaft weiden,
116
Du die Sterne, er die Schaf,
117
Nicht hinführo wacht allbeyde,
118
Schlaf, o matter Mond! entschlaf,
119
Nie zusammen werdet weiden,
120
Du die Sterne, er die Schaf.

121
Ach ihr Schäflein, wer wird hüten,
122
Wer soll euch nun treiben auf?
123
Hirten solcher Mild und Güte
124
Sind nicht also guten Kaufs.
125
O des jung und schönen Knaben,
126
Hirt und Schützen gleiche gut,
127
Wer soll seinen Stecken haben?
128
Taschen, Horn und Winterhut?

129
Wer soll haben seinen Bogen?
130
Wer den Köcher, Pfeil und Bolz?
131
Die von ihm so weit geflogen,
132
Nie gefehlet in dem Holz.
133
Wer soll haben seine Geigen,
134
Dulzian und Mandolin?
135
Ach für Trauren muß ich schweigen,
136
Ach ade! muß fließen hin.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Clemens Brentano
(17781842)

* 08.09.1778 in Koblenz-Ehrenbreitstein, † 28.07.1842 in Aschaffenburg

männlich, geb. Brentano

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.