Der Tannhäuser

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Clemens Brentano: Der Tannhäuser (1806)

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Nun will ich aber heben an,
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Vom Tannhäuser wollen wir singen,
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Und was er wunders hat gethan,
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Mit Frau Venussinnen.

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Der Tannhäuser war ein Ritter gut,
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Er wollt groß Wunder schauen,
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Da zog er in Frau Venus Berg,
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Zu andern schönen Frauen.

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„herr Tannhäuser, Ihr seyd mir lieb,
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„daran sollt Ihr gedenken,
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„ihr habt mir einen Eid geschworen,
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„ihr wollt nicht von mir wanken.“

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„frau Venus, ich hab' es nicht gethan,
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„ich will dem widersprechen,
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„denn niemand spricht das mehr, als Ihr,
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„gott helf mir zu den Rechten.“

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„herr Tannhäuser, wie saget ihr mir!
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„ihr sollet bey uns bleiben,
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„ich geb Euch meiner Gespielen ein,
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„zu einem eh'lichen Weibe.

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„nehme ich dann ein ander Weib,
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„als ich hab in meinem Sinne,
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„so muß ich in der Höllen-Gluth,
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„da ewiglich verbrennen.“

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„du sagst mir viel von der Höllengluth,
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„du hast es doch nicht befunden,
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„gedenk an meinen rothen Mund,
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„der lacht zu allen Stunden.“

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„was hilft mich Euer rother Mund,
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„er ist mir gar unmehre,
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„nun gib mir Urlaub Frau Venus zart,
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„durch aller Frauen Ehre.“

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„herr Tannhäuser, wollt Ihr Urlaub han,
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„ich will Euch keinen geben,
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„nun bleibet edler Tannhäuser zart,
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„und frischet Euer Leben.“

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„mein Leben ist schon worden krank,
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„ich kann nicht länger bleiben,
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„gebt mir Urlaub Fraue zart,
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„von Eurem stolzen Leibe.“

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„herr Tannhäuser nicht sprecht also,
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„ihr seyd nicht wohl bey Sinnen,
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„nun laßt uns in die Kammer gehn,
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„und spielen der heimlichen Minnen.“

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„eure Minne ist mir worden leid,
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„ich hab in meinem Sinne,
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„o Venus, edle Jungfrau zart,
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„ihr seyd ein Teufelinne.“

49
„tannhäuser ach, wie sprecht Ihr so,
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„bestehet Ihr mich zu schelten?
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„sollt ihr noch länger bei uns seyn,
52
„des Worts müßt Ihr entgelten.

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„tannhäuser wollt Ihr Urlaub han,
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„nehmt Urlaub von den Greisen,
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„und wo Ihr in dem Land umbfahrn,
56
„mein Lob das sollt Ihr preisen.“

57
Der Tannhäuser zog wieder aus dem Berg,
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In Jammer und in Reuen:
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„ich will gen Rom in die fromme Stadt,
60
„all auf den Pabst vertrauen.

61
„nun fahr ich fröhlich auf die Bahn,
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„gott muß es immer walten,
63
„zu einem Pabst, der heißt Urban,
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„ob er mich wolle behalten.

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„herr Pabst Ihr geistlicher Vater mein,
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„ich klag Euch meine Sünde,
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„die ich mein Tag begangen hab,
68
„als ich Euch will verkünden.

69
„ich bin gewesen ein ganzes Jahr,
70
„bey Venus einer Frauen,
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„nun will ich Beicht und Buß empfahn,
72
„ob ich möcht Gott anschauen.“

73
Der Pabst hat einen Stecken weiß,
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Der war vom dürren Zweige:
75
„wann dieser Stecken Blätter trägt,
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„sind dir deine Sünden verziehen.“

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„sollt ich leben nicht mehr denn ein Jahr,
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„ein Jahr auf dieser Erden,
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„so wollt ich Reu und Buß empfahn,
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„und Gottes Gnad erwerben.“

81
Da zog er wieder aus der Stadt,
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In Jammer und in Leiden:
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„maria Mutter, reine Magd,
84
„muß ich mich von dir scheiden,

85
„so zieh ich wieder in den Berg,
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„ewiglich und ohn Ende,
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„zu Venus meiner Frauen zart,
88
„wohin mich Gott will senden.“

89
„seyd willkommen Tannhäuser gut,
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„ich hab Euch lang entbehret,
91
„willkommen seyd mein liebster Herr,
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„du Held, mir treu bekehret.“

93
Darnach wohl auf den dritten Tag,
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Der Stecken hub an zu grünen,
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Da sandt man Boten in alle Land,
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Wohin der Tannhäuser kommen.

97
Da war er wieder in den Berg,
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Darinnen sollt er nun bleiben,
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So lang bis an den jüngsten Tag,
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Wo ihn Gott will hinweisen.

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Das soll nimmer kein Priester thun,
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Dem Menschen Mistrost geben,
103
Will er denn Buß und Reu empfahn,
104
Die Sünde sey ihm vergeben.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Clemens Brentano
(17781842)

* 08.09.1778 in Koblenz-Ehrenbreitstein, † 28.07.1842 in Aschaffenburg

männlich, geb. Brentano

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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