Die Nonne

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Clemens Brentano: Die Nonne (1806)

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Stund ich auf hohen Bergen
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Und sah wohl über den Rhein,
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Ein Schifflein sah ich fahren,
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Der Ritter waren drey,

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Der jüngste, der darunter war,
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Das war ein Grafensohn,
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Hätt' mir die Eh versprochen,
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So jung als er noch war.

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Er that von seinem Finger herab,
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Ein Ringlein von Golde so roth:
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„nimm hin, du Hübsche, du Feine,
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„trag ihn nach meinem Tod!“

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„was soll ich mit dem Ringlein thun,
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„wenn ichs nicht tragen darf?“
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„ey sag, du hasts gefunden,
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„draussen im grünen Gras;“

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„ey das wäre ja gelogen,
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„stünd mir gar übel an,
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„viel lieber will ich sagen:
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„der jung Graf wär mein Mann.“

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„ey, Jungfer, wärt ihr ein wenig reich,
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„wärt ihr ein edler Zweig,
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„fürwahr ich wollt euch nehmen,
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„wir wären einander gleich!“

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„und ob ich schon nicht reiche bin,
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„aller Ehren bin ich voll.
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„meine Ehr will ich behalten,
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„bis daß meins Gleichen kommt.“

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„kommt aber deines Gleichen nicht,
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„was fängst du darnach an?“
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„darnach geh ich in das Kloster,
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„zu werden eine Nonn'“

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Es stund wohl an ein Vierteljahr,
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Dem Grafen träumts gar schwer,
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Als ob sein herzallerliebster Schatz
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Ins Kloster zogen wär.

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„steh auf, steh auf, lieb Reitknecht mein!
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„sattel mir und dir ein Pferd,
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„wir wollen reiten über Berg und Thal,
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„das Mädel ist alles werth.“

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Und als sie vor das Kloster kamen,
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Sie klopften ans hohe Haus:
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„komm' raus, du Hübsche, du Feine,
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„komm nur ein wenig raus.“

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„was soll ich aber draussen thun?
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„hab ich ein kurzes Haar!
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„mein Haar ist abgeschnitten,
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„es ist vergangen ein Jahr.“

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Der Graf entsezt sich in der Still,
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Saß da auf einem Stein',
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Er weint die hellen Thränen,
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Konnt sich nicht wieder freun.

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Mit ihren schneeweissen Händelein
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Gräbt sie dem Grafen ein Grab,
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Aus ihren schwarzbraunen Aeugelein!
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Sie ihm das Weihwasser gab.

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So muß es allen Junggesellen gehn,
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Die trachten nach großem Gut!
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Sie hätten als gern schöne Weiber,
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Sind aber nicht reich genug.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Clemens Brentano
(17781842)

* 08.09.1778 in Koblenz-Ehrenbreitstein, † 28.07.1842 in Aschaffenburg

männlich, geb. Brentano

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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