Die Eile der Zeit in Gott

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Clemens Brentano: Die Eile der Zeit in Gott (1806)

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Der Commandant zu Groswardeyn,
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Der hätt' ein einzig Töchterlein,
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Theresia ihr Nahmen war,
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Gott'sfürchtig, züchtig, keusch und klar.

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Sie war von ihrer Jugend an
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Der Andacht also zugethan,
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Mit Beten, Singen allezeit
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Lobt sie die heilig' Dreifaltigkeit.

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Wenn sie nur Jesum nennen hört,
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So wurd ihr Lieb und Freud vermehrt,
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Auf Jesum war ihr Thun gericht,
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Zu seiner Braut sie sich verpflicht.

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Ein edler Herr thät um sie freyn,
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Der Vater gab den Willen drein
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Die Mutter zu der Tochter spricht:
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„mein Kind, nur diesen lasse nicht.“

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Die Tochter sprach: „Ach Mutter mein!
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„das kann und mag ja nicht so seyn,
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„mein Bräutigam ist schon bestellt,
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„derselb' ist nicht auf dieser Welt.“

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Die Mutter sprach: „Ach Tochter mein!
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„ach thu uns nicht zuwider seyn!
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„wir sind nunmehr zwey alte Leut,
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„mit Geld hat uns Gott auch erfreut.“

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Die Tochter fing zu weinen an:
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„ich hab schon einen Bräutigam,
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„dem ich mich hab versprochen ganz,
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„zu tragen meinen Jungfernkranz.“

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Der Vater sprach: „Es kann nicht seyn,
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„mein Kind, das bilde dir nicht ein,
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„wo willt du bleiben mit der Zeit,
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„sehr alt sind wir schon alle beyd.“

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Der edle Herr bald wieder kam,
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Da stellte man die Hochzeit an,
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Denn alles war voraus bereit,
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Die Braut war voller Traurigkeit.

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Sie ging in ihren Garten früh,
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Da fiel sie nieder auf die Knie,
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Sie rief von ganzem Herzen an
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Jesum, ihren liebsten Bräutigam.

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Sie lag auf ihrem Angesicht,
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Viel Seufzer sie zu Jesu schickt.
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Der liebste Jesus ihr erschien,
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Und sprach: „Schau, meine Braut, vernimm:

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„du sollt jezt und in kurzer Zeit,
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„bey mir seyn in der wahren Freud,
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„und mit den lieben Engelein
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„in voller Freud und Wonne seyn.“

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Er grüßt die Jungfrau wunderschön,
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Die Jungfrau thät vor ihme stehn,
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Schamhaftig, schlägt die Augen nieder,
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Empfing gar schöne Jesum wieder.

53
Der Jüngling an zu reden fing,
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Verehrt ihr einen goldnen Ring;
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„schau da, mein' Braut zum Liebespfand,
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„tragt diesen Ring an Eurer Hand.“

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Die Jungfrau da schön' Rosen brach,
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„mein Bräutigam,“ zu Jesu sprach:
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„hiermit sey du von mir beehrt,
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„ewig mein Herz sonst keinen begehrt.“

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Da gingen die verliebte Zwey,
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Brachen der Blumen mancherley;
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Jesus da sprach zu seiner Braut:
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„kommt! meinen Garten auch beschaut.“

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Er nahm die Jungfrau bey der Hand,
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Führt sie aus ihrem Vaterland,
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In seines Vaters Garten schön,
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Darinnen viele Blumen stehn.

69
Die Jungfrau da mit Freud und Lust
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Köstliche Früchte hat versucht,
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Kein Mensch sich nicht einbilden kann,
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Was da für edle Früchte stehn.

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Sie hört da Musik und Gesang,
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Die Zeit und Weil wird ihr nicht lang,
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Die silberweiße Bächelein,
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Die fließen da ganz klar und rein.

77
Der Jüngling sprach' zu seiner Braut:
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„meinen Garten habt ihr nun beschaut,
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„ich will Euch geben das Geleit
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„in Euer Land, es ist nun Zeit.“

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Die Jungfrau schied mit Traurigkeit,
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Kam vor die Stadt in kurzer Zeit,
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Die Wächter hielten sie bald an,
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Sie sprach: „Laßt mich zum Vater gehn.“

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Wer ist ihr Vater, man sie fragt?
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„der Commandant“ sie frei aussagt,
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Der Eine Wächter aber spricht:
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„der Commandant kein Kind hat nicht.“

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An ihrer Kleidung man erkannt,
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Daß sie auch sey von hohem Stand,
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Ein Wächter sie geführet hat
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Bis vor die Herren in der Stadt.

93
Die Jungfrau sagt und blieb dabey,
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Der Commandant ihr Vater sey,
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Und sey sie nur erst vor zwey Stund
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Hinausgegangen da jetzund.

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Den Herren nahm es Wunder sehr,
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Man fragt, wo sie gewesen wär,
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Ihr's Vaters Nahm, Stamm und Geschlecht,
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Das mußte sie erklären recht.

101
Man suchte auf die alte Schrift,
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Unter andern man auch dies antrift,
103
Daß sich ein Braut verloren hat
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Zu Groß-Wardein in dieser Stadt.

105
Der Jahre Zahl man bald nachschlägt,
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Hundert und zwanzig Jahr austrägt,
107
Die Jungfrau war so schön und klar,
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Als wenn sie wäre fünfzehn Jahr.

109
Dabey die Herren wohl erkannt,
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Daß dies ein Werk von Gottes Hand,
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Man trug der Jungfrau vor viel Speis,
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Im Augenblick ward sie schneeweis.

113
„nichts leibliches ich mehr begehr,“
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Sie bat, „bringt mir den Priester her,
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„daß ich empfang vor meinem End
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„den wahren Leib im Sacrament.“

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Sobald nun dieses ist geschehn,
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Viel Christen-Menschen es gesehn,
119
Ward ihr ohn alles Weh und Schmerz
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Gebrochen ab ihr reines Herz.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Clemens Brentano
(17781842)

* 08.09.1778 in Koblenz-Ehrenbreitstein, † 28.07.1842 in Aschaffenburg

männlich, geb. Brentano

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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