Der Tod und das Mädchen im Blumen - garten

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Clemens Brentano: Der Tod und das Mädchen im Blumen - garten (1806)

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Es ging ein Mägdlein zarte
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Früh in der Morgenstund
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In einen Blumengarten,
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Frisch, fröhlich und gesund,
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Der Blümlein es viel brechen wollt,
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Daraus ein Kranz zu machen,
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Von Silber und von Gold.

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Da kam herzu geschlichen
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Ein gar erschrecklich Mann,
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Die Farb war ihm verblichen,
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Kein' Kleider hatt' er an,
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Er hatt' kein Fleisch, kein Blut, kein Haar,
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Es war an ihm verdorret
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Sein Haut, und Flechsen gar.

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Gar häßlich thät er sehen,
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Scheußlich war sein Gesicht,
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Er weiset seine Zähne
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Und that noch einen Schritt,
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Wohl zu dem Mägdlein zart,
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Das schier für großen Aengsten,
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Des grimmen Todes ward.

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„nun schick dich Mägdlein, schick dich,
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„du must mit mir an Tanz!
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„ich will dir bald aufsetzen,
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„ein wunderschönen Kranz,
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„der wird dir nicht gebunden sein
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„von wohlriechenden Kräutern,
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„und zarten Blümelein.

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„der Kranz, den ich aufsetze,
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„der heißt die Sterblichkeit;
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„du wirst nicht seyn die letzte,
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„die ihn trägt auf dem Haupt;
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„wie viel allhie gebohren seyn,
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„die müssen mit mir tanzen
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„wohl um das Kränzelein.

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„der Würmer in der Erde
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„ist eine große Zahl,
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„die werden dir verzehren
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„dein Schönheit allzumahl,
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„sie werden deine Blümlein seyn,
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„das Gold, und auch die Perlen,
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„silber und Edelstein.

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„willst du mich gerne kennen
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„und wissen, wer ich sey?
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„so hör mein Nahmen nennen,
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„will dir ihn sagen frey:
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„der grimme Tod werd ich genannt,
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„und bin in allen Landen,
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„gar weit und breit bekannt.

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„die Sense ist mein Wappen,
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„das ich mit Rechte führ,
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„damit thu ich anklopfen
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„jedem an seine Thür,
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„und wenn sein Zeit ist kommen schon,
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„spät, früh, und in der Mitten,
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„'S hilft nichts, er muß davon!“

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Das Mägdlein voller Schmerzen,
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Voll bittrer Angst und Noth,
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Bekümmert tief im Herzen,
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Bat: „Ach du lieber Todt,
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„wollst eilen nicht so sehr mit mir,
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„mich armes Mägdlein zarte
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„laß länger leben hier!

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„ich will dich reich begaben,
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„mein Vater hat viel Gold,
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„und was du nur willst haben
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„das all du nehmen sollt!
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„nur lasse du, das Leben mir,
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„mein allerbeste Schätze,
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„die will ich geben dir!“

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„kein Schatz sollt du mir geben,
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„kein Gold noch Edelstein!
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„ich nehm dir nur das Leben,
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„du zartes Mägdelein,
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„du must mit mir an meinen Tanz,
76
„daran noch kommt manch Tausend,
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„bis daß der Reihn wird ganz.“

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„o Tod, laß mich beim Leben,
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„nimm all mein Hausgesind!
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„mein Vater wird dirs geben,
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„wenn er mich lebend findt,
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„ich bin sein einzigs Töchterlein,
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„er würde mich nicht geben
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„um tausend Gulden fein.“

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„dein Vater will ich holen
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„und will ihn finden wohl,
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„mit seinem Hausgesinde,
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„weiß, wenn ich
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„jetzund nehm ich nur dich allein:
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„o zartes Mägdlein junge,
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„du must an meinen Reihen.“

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„erbarm dich meiner Jugend,“
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Sprach sie mit großer Klag,
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„will mich in aller Tugend,
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„ueben mein Lebetag.
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„nimm mich nicht gleich dahin jetzund,
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„spar mich noch eine Weile,
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„schon mich noch etlich' Stund!“

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Drauf sprach der Tod: „mit nichten,
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„ich kehr mich nicht daran,
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„es hilft allhier kein Bitten,
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„ich nehme Frau und Mann!
103
„die Kinderlein zieh ich herfür,
104
„ein jedes muß mir folgen,
105
„wenn ich klopf an die Thür.“

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Er nahm sie in der Mitten,
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Da sie am schwächsten was,
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Es half bey ihm kein Bitten,
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Er warf sie in das Graß,
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Und rührte an ihr junges Herz
111
Da liegt das Mägdlein zarte,
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Voll bittrer Angst und Schmerz.

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Ihr Farb that sie verwandlen,
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Ihr Aeuglein sie verkehrt
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Von einer Seit zur andern
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Warf sie sich auf der Erd,
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All Wollust ihr vergangen war,
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Kein Blümlein mehr wollt holen
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Wohl aus dem grünen Graß.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Clemens Brentano
(17781842)

* 08.09.1778 in Koblenz-Ehrenbreitstein, † 28.07.1842 in Aschaffenburg

männlich, geb. Brentano

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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