V. Der Gesang der Okeaniden

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Heinrich Heine: V. Der Gesang der Okeaniden (1827)

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Abendlich blasser wird es am Meere,
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Und einsam, mit seiner einsamen Seele,
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Sitzt dort ein Mann auf dem kahlen Strand,
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Und schaut, todtkalten Blickes, hinauf
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Nach der weiten, todtkalten Himmelswölbung,
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Und schaut auf das weite, wogende Meer,
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Und über das weite, wogende Meer,
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Wie Lüftesegler, ziehn seine Seufzer,
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Und kehren wieder, trübselig,
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Und hatten verschlossen gefunden das Herz,
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Worin sie ankern wollten —
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Und er stöhnt so laut, daß die weißen Möven,
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Aufgescheucht aus den sandigen Nestern,
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Ihn heerdenweis' umflattern,
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Und er spricht zu ihnen die lachenden Worte:

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Schwarzbeinigte Vögel,
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Mit weißen Flügeln Meer-überflatternde,
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Mit krummen Schnäbeln Seewasser-saufende‚
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Und thranigtes Robbenfleisch-fressende,
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Eu'r Leben ist bitter wie Eure Nahrung!
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Ich aber, der Glückliche, koste nur Süßes!
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Ich koste den süßen Duft der Rose,
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Der Mondschein-gefütterten Nachtigallbraut;
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Ich koste noch süßere Josty-Baisers,
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Mit weißer Seligkeit gefüllte;
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Und das Allersüßeste kost' ich:
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Süße Liebe und süßes Geliebtseyn.

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Sie liebt mich! Sie liebt mich! die holde Jungfrau!
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Jetzt steht sie daheim, am Erker des Hauses,
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Und schaut in die Dämm'rung hinaus, auf die Landstraß',
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Und horcht, und sehnt sich nach mir — wahrhaftig!
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Vergebens späht sie umher und sie seufzet,
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Und seufzend steigt sie hinab in den Garten,
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Und wandelt in Duft und Mondschein,
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Und spricht mit den Blumen, erzählet ihnen:
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Wie ich, der Geliebte, so lieblich bin
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Und so liebenswürdig — wahrhaftig!
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Nachher im Bette, im Schlafe, im Traum,
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Umgaukelt sie selig mein theures Bild,
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Sogar des Morgens, beim Frühstück,

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Auf dem glänzenden Butterbrodte,
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Sieht sie mein lächelndes Antlitz,
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Und sie frißt es auf vor Liebe — wahrhaftig!

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Also prahlt er und prahlt er,
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Und zwischendrein schrillen die Möven,
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Wie kaltes, ironisches Kichern;
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Die Dämm'rungsnebel steigen herauf;
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Aus violettem Gewölk, unheimlich,
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Schaut hervor der grasgelbe Mond;
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Hochauf rauschen die Meereswogen,
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Und tief aus Hochauf rauschendem Meer,
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Wehmüthig wie flüsternder Windzug,
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Tönt der Gesang der Okeaniden,
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Der schönen, mitleidigen Wasserfrau'n,
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Vor allen vernehmbar die liebliche Stimme
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Der silberfüßigen Peleus-Gattin,
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Und sie seufzen und singen:

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O Thor, du Thor! du prahlender Thor!
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Du kummergequälter!
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Dahingemordet sind all deine Hoffnungen,
61
Die tändelnden Kinder des Herzens,
62
Und ach! dein Herz, dein Niobe-Herz
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Versteinert vor Gram!

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In deinem Haupte wird's Nacht,
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Und es zucken hindurch die Blitze des Wahnsinns,
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Und du prahlst vor Schmerzen!
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O Thor, du Thor! du prahlender Thor!
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Halsstarrig bist du wie dein Ahnherr,
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Der hohe Titane, der himmlisches Feuer
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Den Göttern stahl und den Menschen gab,
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Und Geier-gequälet, Felsen-gefesselt,
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Olympauftrotzte und trotzte und stöhnte,
73
Daß wir es hörten im tiefen Meer,
74
Und zu ihm kamen mit Trostgesang.
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O Thor, du Thor! du prahlender Thor!
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Du aber bist ohnmächtiger noch,
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Und es wäre vernünftig, du ehrtest die Götter,
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Und trügest geduldig die Last des Elends,
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Und trügest geduldig so lange, so lange,
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Bis Atlas selbst die Geduld verliert,
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Und die schwere Welt von den Schultern abwirft
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In die ewige Nacht.

83
So scholl der Gesang der Okeaniden,
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Der schönen, mitleidigen Wasserfrau'n,
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Bis lautere Wogen ihn überrauschten —
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Hinter die Wolken zog sich der Mond,
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Es gähnte die Nacht,
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Und ich saß noch lange im Dunkeln und weinte.

(Heine, Heinrich: Buch der Lieder. Hamburg, 1827.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Heinrich Heine
(17971856)

* 13.12.1797 in Düsseldorf, † 17.02.1856 in Paris

männlich, geb. Heine

| Bleivergiftung

deutscher Dichter und Publizist

(Aus: Wikidata.org)

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