Iv. Die Nacht am Strande

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Heinrich Heine: Iv. Die Nacht am Strande (1827)

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Sternlos und kalt ist die Nacht,
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Es gährt das Meer;
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Und über dem Meer', platt auf dem Bauch,
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Liegt der ungestaltete Nordwind,
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Und heimlich, mit ächzend gedämpfter Stimme,
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Wie'n störriger Griesgram, der gutgelaunt wird,
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Schwatzt er in's Wasser hinein,
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Und erzählt viel tolle Geschichten,
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Riesenmährchen, todtschlaglaunig,
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Uralte Sagen aus Norweg,
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Und dazwischen, weitschallend, lacht er und heult er
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Beschwörungslieder der Edda,
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Graue Runensprüche,
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So dunkeltrotzig und zaubergewaltig,
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Daß die weißen Meerkinder
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Hochaufspringen und jauchzen,
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Uebermuth-berauscht.

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Derweilen, am flachen Gestade,
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Ueber den fluthbefeuchteten Sand,
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Schreitet ein Fremdling, mit einem Herzen,
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Das wilder noch als Wind und Wellen;
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Wo es hintritt,
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Sprühen Funken und knistern die Muscheln,
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Und er hüllt sich fest in den grauen Mantel,
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Und schreitet rasch durch die wehende Nacht;
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Sicher geleitet vom kleinen Lichte,
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Das lockend und lieblich schimmert
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Aus einsamer Fischerhütte.

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Vater und Bruder sind auf der See,
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Und mutterseelallein blieb dort
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In der Hütte die Fischertochter,
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Die wunderschöne Fischertochter.
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Am Heerde sitzt sie
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Und horcht auf des Wasserkessels
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Ahnungssüßes, heimliches Summen,
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Und schüttet knisterndes Reisig in's Feuer,
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Und bläßt hinein,
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Daß die flackernd rothen Lichter
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Zauberlieblich wiederstrahlen
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Auf das blühende Antlitz,
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Auf die zarte, weiße Schulter,
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Die rührend hervorlauscht

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Aus dem groben, grauen Hemde,
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Und auf die kleine, sorgsame Hand,
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Die das Unterröckchen fester bindet
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Um die feine Hüfte.

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Aber plötzlich, die Thür springt auf,
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Und es tritt herein der nächtige Fremdling;
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Liebesicher ruht sein Auge
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Auf dem weißen, schlanken Mädchen,
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Das schauernd vor ihm steht,
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Gleich einer erschrockenen Lilie;
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Und er wirft den Mantel zur Erde,
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Und lacht und spricht:

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Siehst du, mein Kind, ich halte Wort,
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Und ich komme, und mit mir kommt
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Die alte Zeit, wo die Götter des Himmels
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Niederstiegen zu Töchtern der Menschen,
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Und die Töchter der Menschen umarmten,
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Und mit ihnen zeugten
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Zeptertragende Königsgeschlechter
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Und Helden, Wunder der Welt.
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Doch staune, mein Kind, nicht länger
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Ob meiner Göttlichkeit,
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Und ich bitte dich, koche mir Thee mit Rum,

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Denn draußen war's kalt,
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Und bei solcher Nachtluft
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Frieren auch wir, wir ewigen Götter,
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Und kriegen wir leicht den göttlichsten Schnupfen,
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Und einen unsterblichen Husten.

(Heine, Heinrich: Buch der Lieder. Hamburg, 1827.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Heinrich Heine
(17971856)

* 13.12.1797 in Düsseldorf, † 17.02.1856 in Paris

männlich, geb. Heine

| Bleivergiftung

deutscher Dichter und Publizist

(Aus: Wikidata.org)

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