Ii

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Heinrich Heine: Ii (1827)

1
Tannenbaum, mit grünen Fingern,
2
Pocht an's nied're Fensterlein,
3
Und der Mond, der gelbe Lauscher,
4
Wirft sein süßes Licht herein.

5
Vater, Mutter schnarchen leise
6
In dem nahen Schlafgemach,
7
Doch wir beide, selig schwatzend,
8
Halten uns einander wach.

9
„daß du gar zu oft gebetet,
10
Das zu glauben wird mir schwer,
11
Jenes Zucken deiner Lippen
12
Kommt wohl nicht vom Beten her.

13
„jenes böse, kalte Zucken,
14
Das erschreckt mich jedesmal,
15
Doch die dunkle Angst beschwichtigt
16
Deiner Augen frommer Strahl.

17
„auch bezweifl' ich, daß du glaubest,
18
Was so rechter Glauben heißt,
19
Glaubst wohl nicht an Gott den Vater,
20
An den Sohn und heil'gen Geist?“ —

21
Ach, mein Kindchen, schon als Knabe,
22
Als ich saß auf Mutters Schooß,
23
Glaubte ich an Gott den Vater,
24
Der da waltet gut und groß;

25
Der die schöne Erd' erschaffen,
26
Und die schönen Menschen d'rauf,
27
Der den Sonnen, Monden, Sternen
28
Vorgezeichnet ihren Lauf.

29
Als ich größer wurde, Kindchen,
30
Noch viel mehr begriff ich schon,
31
Und begriff, und ward vernünftig,
32
Und ich glaub' auch an den Sohn;

33
An den lieben Sohn, der liebend
34
Uns die Liebe offenbart,
35
Und zum Lohne, wie gebräuchlich,
36
Von dem Volk gekreuzigt ward.

37
Jetzo, da ich ausgewachsen,
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Viel gelesen, viel gereist,
39
Schwillt mein Herz, und ganz von Herzen
40
Glaub' ich an den heil'gen Geist.

41
Dieser that die größten Wunder,
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Und viel größ're thut er noch;
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Er zerbrach die Zwingherrnburgen,
44
Und zerbrach des Knechtes Joch.

45
Alte Todeswunden heilt er,
46
Und erneut das alte Recht:
47
Alle Menschen, gleichgeboren,
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Sind ein adliges Geschlecht.

49
Er verscheucht die bösen Nebel,
50
Und das dunkle Hirngespinst,
51
Das uns Lieb' und Lust verleidet,
52
Tag und Nacht uns angegrinzt.

53
Tausend Ritter, wohlgewappnet,
54
Hat der heil'ge Geist erwählt,
55
Seinen Willen zu erfüllen,
56
Und er hat sie muthbeseelt.

57
Ihre theuern Schwerdter blitzen,
58
Ihre guten Banner weh'n!
59
Ei, du möchtest wohl, mein Kindchen,
60
Solche stolze Ritter seh'n?

61
Nun, so schau' mich an, mein Kindchen,
62
Küsse mich und schaue dreist;
63
Denn ich selber bin ein solcher
64
Ritter von dem heil'gen Geist.

(Heine, Heinrich: Buch der Lieder. Hamburg, 1827.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Heinrich Heine
(17971856)

* 13.12.1797 in Düsseldorf, † 17.02.1856 in Paris

männlich, geb. Heine

| Bleivergiftung

deutscher Dichter und Publizist

(Aus: Wikidata.org)

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