ViII

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Heinrich Heine: ViII (1827)

1
Ich kam von meiner Herrin Haus,
2
Und wandelt' in Wahnsinn und Mitternachtgraus.
3
Und wie ich am Kirchhof vorüber gehn will,
4
Da winken die Gräber ernst und still.

5
Da winkt's von des Spielmanns Leichenstein;
6
Das war der flimmernde Mondesschein.
7
Da lispelt's: Lieb Bruder, ich komme gleich!
8
Da steigt's aus dem Grabe nebelbleich.

9
Der Spielmann war's, der entstiegen jetzt,
10
Und hoch auf den Leichenstein sich setzt.
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In die Saiten der Zither greift er schnell,
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Und singt dabei recht hohl und grell:

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Ei! kennt Ihr noch das alte Lied,
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Das einst so wild die Brust durchglüht,
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Ihr Saiten dumpf und trübe?
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Die Engel, die nennen es Himmelsfreud,

17
Die Teufel, die nennen es Höllenleid,
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Die Menschen, die nennen es: Liebe!

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Kaum tönte des letzten Wortes Schall,
20
Da thaten sich auf die Gräber all';
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Viel Luftgestalten dringen hervor,
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Und umschweben den Spielmann und schrillen im Chor:

23
Liebe! Liebe! deine Macht
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Hat uns hier zu Bett gebracht,
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Und die Augen zugemacht, —
26
Ei, was rufst du in der Nacht?

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So heult es verworren, und ächzet und girrt,
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Und brauset und sauset, und krächzet und klirrt;
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Und der tolle Schwarm den Spielmann umschweift,
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Und der Spielmann wild in die Saiten greift:

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Bravo! bravo! immer toll!
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Seyd willkommen!
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Habt vernommen
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Daß mein Zauberwort erscholl,

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Liegt man doch jahraus, jahrein,
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Mäuschenstill im Kämmerlein;
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Laßt uns heute lustig seyn!
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Mit Vergunst, —
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Seht erst zu, sind wir allein? —
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Narren waren wir im Leben,
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Und mit toller Wuth ergeben
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Einer tollen Liebesbrunst.
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Kurzweil soll uns heut nicht fehlen,
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Jeder soll hier treu erzählen,
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Was ihn weiland hergebracht,
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Wie gehetzt,
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Wie zerfetzt
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Ihn die tolle Liebesjagd.

49
Da hüpft aus dem Kreise, so leicht, wie der Wind,
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Ein mageres Wesen, das summend beginnt:

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Ich war ein Schneidergeselle,
52
Mit Nadel und mit Scheer';
53
Ich war so flink und schnelle
54
Mit Nadel und mit Scheer'.
55
Da kam die Meisterstochter
56
Mit Nadel und mit Scheer';
57
Und hat mir in's Herz gestochen
58
Mit Nadel und mit Scheer'.

59
Da lachten die Geister im lustigen Chor;
60
Ein Zweiter trat still und ernst hervor:

61
Den Rinaldo Rinaldini,
62
Schinderhanno, Orlandini,
63
Und besonders Carlo Moor
64
Nahm ich mir als Muster vor.

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Auch verliebt — mit Ehr' zu melden —
66
Hab' ich mich, wie jene Helden,
67
Und das schönste Frauenbild
68
Spukte mir im Kopfe wild.

69
Und ich seufzte auch und girrte;
70
Und wenn Liebe mich verwirrte,
71
Steckt' ich meine Finger rasch
72
In des Herren Nachbars Tasch'.

73
Doch der Gassenvogt mir grollte,
74
Daß ich Sehnsuchtsthränen wollte
75
Trocknen mit dem Taschentuch,
76
Das mein Nachbar bei sich trug.

77
Und nach frommer Häschersitte
78
Nahm man still mich in die Mitte,
79
Und das Zuchthaus, heilig groß,
80
Schloß mir auf den Mutterschooß.

81
Schwelgend süß in Liebessinnen,
82
Saß ich dort beim Wollespinnen,
83
Bis Rinaldos Schatten kam,
84
Und die Seele mit sich nahm.

85
Da lachten die Geister im lustigen Chor;
86
Geschminkt und geputzt trat ein Dritter hervor:

87
Ich war ein König der Bretter,
88
Und spielte das Liebhaberfach,
89
Ich brüllte manch wildes: Ihr Götter!
90
Ich seufzte manch zärtliches: Ach!

91
Den Mortimer spielt' ich am besten,
92
Maria war immer so schön!
93
Doch trotz der natürlichsten Gesten
94
Sie wollte mich nimmer versteh'n. —

95
Einst als ich verzweifelnd am Ende
96
„maria, du Heilige!“ rief,
97
Da nahm ich den Dolch behende —
98
Und stach mich ein bischen zu tief.

99
Da lachten die Geister im lustigen Chor;
100
Im weißen Flausch trat ein Vierter hervor:

101
Vom Katheder schwatzte herab der Professor,
102
Er schwatzt', und ich schlief oft gut dabei ein;
103
Doch hätt' mir's behagt noch tausendmal besser
104
Bei seinem holdseligen Töchterlein.

105
Sie hatt' mir oft zärtlich am Fenster genicket,
106
Die Blume der Blumen, mein Lebenslicht!
107
Doch die Blume der Blumen ward endlich gepflücket
108
Vom dürren Philister, dem reichen Wicht.

109
Da flucht ich den Weibern und reichen Halunken,
110
Und mischte mir Teufelskraut in den Wein, —
111
Und hab' mit dem Tode Smollis getrunken,
112
Der sprach: Fiduzit, ich heiße Freund Hein!

113
Da lachten die Geister im lustigen Chor,
114
Einen Strick um den Hals trat ein Fünfter hervor:

115
Es prunkte und prahlte der Graf beim Wein
116
Mit dem Töchterchen sein und dem Edelgestein.
117
Was scheert mich, du Gräflein, dein Edelgestein,
118
Mir mundet weit besser dein Töchterlein.

(Heine, Heinrich: Buch der Lieder. Hamburg, 1827.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Heinrich Heine
(17971856)

* 13.12.1797 in Düsseldorf, † 17.02.1856 in Paris

männlich, geb. Heine

| Bleivergiftung

deutscher Dichter und Publizist

(Aus: Wikidata.org)

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