Verbannt

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Detlev von Liliencron: Verbannt (1883)

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Gleichviel weßhalb, ich bin's, ich bin verbannt
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Auf eine kleine, deichumrahmte Insel.
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Weit liegt mein walddurchrauschtes Vaterland.
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Hier schleicht und kriecht das Wattenmeergerinsel
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Durch Schlick und Schlamm, ein schmutzig gelbes Band.
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Poltert der Sturm nicht, nörgelt Windgewinsel.

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Der Reiher, dem das Nest zerschossen wird,
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Er baut sich an im ersten besten Walde.
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Der Flüchtling, der von Land zu Ländern irrt,
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Erreicht vielleicht noch eine grüne Halde,
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Wo süß und sanft die Friedenstaube girrt,
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Und er die reichste Ruhe findet balde.

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Zwar hab’ ich sonst, was nur das Herz begehrt,
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Cigarren, Bücher, Schreibpapier und Tinte.
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Auch ist die Seehundjagd mir nicht verwehrt
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Und was an Vögeln fliegt in meine Flinte.
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Jedwede Woche kommt ein Schiff, beschwert
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Mit Briefen, Packen, Zucker, Öl, Korinthe.

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Wie muß, heimdenkend, oft am Deich ich lehnen,
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Mir jedes ferne dunkle Pünktchen buchend.
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Gleich Iphigenie, mit endlosem Sehnen,
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Das Land der Griechen mit der Seele suchend.
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Kein Schiff in Sicht, nur rege weiße Mähnen,
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Und ich entferne mich, den Tag verfluchend.

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Im Osten, weit, noch hinterm Horizonte,
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Wenn dies Paradoxon vielleicht erlaubt ist,
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Zeigt sich ein Rauch gleich einer Nebelfronte,
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(verzeihung für das Wort, das sehr geschraubt ist.)
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Doch näher, wie bestimmt ich sehen konnte,
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Erscheint ein schwarzer Schornstein, der behaubt ist.

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Was bringt die Post, was kann sie Alles bringen,
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Trübsal und Trost, Freud’, Bettelbrief und Trauer.
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Heut eine Nachricht, daß wir überspringen
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Im Jubelrausch die allerhöchste Mauer.
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Kann sein, daß morgen wir die Hände ringen,
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Mißlaunig sitzen wie der Kauz im Bauer.

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Es brachte mir die Post heut Allerlei:
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Die Rundschau, Magazin und Nord und Süd,
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Kaluga’s Fahrt vom Ob zum Jenisei;
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Daß mir zwei Füllen fielen im Gestüt.
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Ein Freundesbrief klang frisch und kummerfrei,
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Ein andrer trostlos, trüb und wegesmüd.

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Ganz unten lag ein rosenrot Couvert,
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Mit Monogramm
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Ich wußte, daß genannt er Adalbert,
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Sie konnte mit dem Namen Laura blinken.
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Essence d’Ixora war dem Brief Gefährt’,
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Ihr Händchen wollte mir entgegenwinken.

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Der Abend wurde mir verhängnißvoll,
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Zu reizend war die kleine Baronesse.
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Ich liebte bald wie rasend sie und toll,
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Auch zeigte sie mir mehr als Politesse.
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Doch wurde aus dem Duraccord ein Moll,
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Aus dunkeln Rosen bog sich die Cypresse.

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Ich glaubte glücklich sie mit ihrem Mann,
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An den sie nun zehn Jahr gekettet war.
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Aus ihren Zeilen, ach, erfuhr ich dann,
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Wie schlecht das arme Weib gebettet war.
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Daß ein Verschwender er und Haustyrann,
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Aus dem Concurse nichts gerettet war.

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Im Leben mag’s zum Schwersten wohl gehören,
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Aus Glanz und Reichtum plötzlich arm zu werden.
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Wie muß es unser Innerstes empören,
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Wenn Hinz und Kunz wir sehn auf unsern Pferden,
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Wenn Hinz und Kunz uns unser Heim zerstören,
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Den Rest uns nehmen, was uns lieb auf Erden.

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Genug, genug. Wir alle danken Gott,
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Wenn wir zur schnellen Hülfe Mittel haben.
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Nahm wer, wir helfen auf und machen flott,
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Im Lebenssteeplechase zu kurz den Graben,
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Und lassen dann ihn ohne Hohn und Spott,
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Und ohne viel zu fragen, weiter traben.

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Thay Thasen’s hübsches achtzehnjährig Kind
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Muß mir den Thee bereiten, Kaffee kochen,
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Flickt meine Wäsche, stärkt mich mit Absinth,
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Will mich ein Hungermangel unterjochen.
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Sie stäubt den Schreibtisch ab, mein Kleiderspind,
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Und dient mir so seit vier und zwanzig Wochen.

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Thay Thaysen ist mein Hausvogt, Moiken’s Vater.
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Er lehrte früh sie jede Fischerregel.
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Beim Krabbenfangen ist er Schlickdurchwater,
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Wie er hantiert auch sie mit Seil und Segel.
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Was immer für sie thun er konnte, „that er,“
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Doch las er nicht mit ihr Horaz und Hegel.

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Ich liebe sehr die kühne Reigerbeize,
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Zur Seiten einer wunderholden Frau.
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Dornhecken über ohne viel Gespreize,
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Hep! über Gräben, Hürd’, Verhack, Verhau.
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Das Alles hat ja ganz besondre Reize:
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Die schöne Frau, die Falken, Himmesblau.

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Komm’ ich vom Entenschießen müd’ zurück,
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Eilt Moiken auf der Werfte mir entgegen,
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Nimmt mir das Jagdgerät ab, Stück für Stück,
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Um dann die Jägersuppe vorzulegen.
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Aus allen Ecken lacht mich an das Glück,
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Ich muß das Mädchen still am Herzen hegen.

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Wir plaudern Abends häufig am Kamin,
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Moiken erzählt mir Inselmärchen, Sagen,
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Ich ihr von Wien, Turin, Dublin, Berlin,
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Sie wieder mir von Flut und Sturmestagen.
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Erschreckt stützt sie die Händchen auf die Knie’,
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Meld’ ich von Schlacht und wildem Rossesjagen.

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Wie reizend ist’s, bestaunt sie meine Sachen,
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Denn Alles ist ihr neu noch und ein Wunder.
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Sie sah bisher nur Netz und Fischernachen,
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Den Seehund, Flut und Ebbe, Dorsch und Flunder.
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Wie freut sie sich, wie lieblich ist ihr Lachen,
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Schenk’ ich ein Stückchen ihr von all dem Plunder.

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Mein Platen ist zum Beispiel gut gebunden,
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Den hat sie sich zum Lesen auserkoren.
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Neulich hab’ ich im Grafen sie gefunden,
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Mit ihren Fingern schloß sie sich die Ohren.
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Doch schien ihr die Lektüre nicht zu munden,
114
Wahrscheinlich ging der Faden ihr verloren.

115
Wie schätz’ ich Platen, seine Prachtsonette,
116
Wie dank’ ich Geibel, daß sein schönstes Lied
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Ihn feiert: wundervoll sind die Terzette,
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Durch die sein roter Zornesfaden zieht.
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Platens Balladen sind zwar sehr honette,
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Doch ohne Funkelfeuer, Kolorit.

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Die Worte: Busen, duften, kosen, wallen,
122
Sind alte deutsche Worte, schön, verstehlich.
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Der Dichter bringt sie gern in ganzen Ballen,
124
Aus unsrer Sprache sind sie unverwehlich.
125
Wie kommt es, daß sie nimmer mir gefallen,
126
Ich finde scheuslich sie, ganz unausstehlich.

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Wall„e“t das Haar auch, duftend, auf die Socken,
128
Nicht kos„e“t mehr ihr Busen an dem meinen.
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Im Gegenteil, ihr Busen wallt erschrocken,
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Und ach, die süßesten der Augen weinen.
131
Ihr Herzchen wallt, doch nicht wie Abendglocken,
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Es wallt wie Sturm das Herzchen meiner Kleinen.

133
Mein gutes Mädchen, sei mir nicht mehr böse,
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Daß ich dich, wie du meinst, geärgert habe.
135
Näh’ freundlich wieder Knöpfe mir und Öse,
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Durchkrame wieder meine ganze Habe.
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Du weißt, ich bin zuweilen sehr nervöse,
138
Sei wieder gut, sonst schelt’ ich noch im Grabe

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Ich hatte Komödianten kommen lassen,
140
Um mir die Zeit ein wenig zu verkürzen
141
Und meinen treuen biedern Wassersassen
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Einmal den rauhen Seemannstag zu würzen.
143
War das ein Jux und Jubel, kaum zu fassen,
144
Ich sah sie lachend sich entgegenstürzen

145
Der Herr Direktor war ein alter Mann
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Mit weißem Haar und dicker roter Nase.
147
Die größten Mimen that er in den Bann,
148
Was waren Devrient und Friedrich Haase.
149
Als Gast war er sogar in Ispahan,
150
Sprach er von dort, geriet er in Extase.

151
Die Frau Direktor, eine kleine Dame
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Von sechzig Lenzen und vielleicht darüber,
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War einst gefeiert, ein berühmter Name,
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Bis mählig trüber ward ihr Stern und trüber,
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Bis ihr das Leben gab, das mühesame,
156
Das Leben, ach, zu viele Nasenstüber.

157
Liebhaber Nummer Eins, er hieß Maresche,
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War Heldenvater auch und Intriguant.
159
Liebhaber Nummer Zwei, er hieß Manesche,
160
War noch ein junger siebzehnjähriger Fant.
161
Nicht immer trugen sie die reinste Wäsche,
162
Doch waren sonst sie fein und elegant,

163
Natürlich fehlte auch nicht die Soubrette,
164
Sie war ein junges allerliebstes Ding.
165
Tagüber lag sie freilich gern im Bette,
166
Wenn ihr das Leben nicht nach Laune ging.
167
Zuweilen sangen wir bei mir Duette,
168
Es war für Schumann ihr Talent gering.

169
Nun sitzen beide wieder wir alleine,
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Sei, Moiken, artig, so, gieb mir die Hand.
171
Auf dieser Insel bin ich ganz der deine,
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Wo uns so manche schöne Stunde schwand.
173
Und bin auch einst ich ferne, liebe Kleine,
174
Ich denke oft zurück an unsern Strand.

175
Hier fand ich Ruhe, die nicht ich gefunden
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Im Treiben der Gesellschaft, in den Schenken.
177
Hier fand ich Ruhe, um in vielen Stunden
178
In unsre Dichter ganz mich zu versenken,
179
Von alten Wunden endlich zu gesunden,
180
Vergangnes Leben ernst zu überdenken.

181
Bin ich entfesselt der Verbannungsbande,
182
Leuchtet zurück vom Heimatufer mir
183
Die Fackel, hoch auf rotem Felsenrande,
184
Ich will ins Meer mich stürzen voller Gier
185
Und schwimmen, bis ich bin im Vaterlande,
186
Wo mich umrauscht das alte Reichspanier.

187
Schelt’ ich den Diener, daß ich nicht am Bette
188
Den Siphon fand, trank ich zu viel Likör;
189
Zerstreu’ ich mich heut Abend am Roulette
190
Und Morgen auf dem Ball beim Gouverneur;
191
Hält wieder mich im Zaum die Etiquette,
192
Die große Stadt und all ihr Zubehör;

193
An jene Tage, als mit meiner Bracke
194
Jagend ich einsam durch die Watten schlich,
195
Von eines alten Räuberturmes Zacke
196
Ringsum ersah den letzten grauen Strich
197
Endlosen Wassers, aus dem schwarze Wracke
198
Bei tiefer Ebb’ aufragen trotziglich.

(Liliencron, Detlev von: Adjutantenritte und andere Gedichte. Leipzig, [1883].Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Detlev von Liliencron
(18441909)

* 03.06.1844 in Kiel, † 22.07.1909 in Rahlstedt

männlich

deutscher Autor

(Aus: Wikidata.org)

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