Kleine Geschichte

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Detlev von Liliencron: Kleine Geschichte (1883)

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Frühsommer wars, am Nachmittag.
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Der Weißdorn stand in Blüte.
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Ich ging allein durch Feld und Hag
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Mit sehnendem Gemüte.

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Es trieb mich in den Tag hinein
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Ein zärtliches Verlangen
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Nach dunkler Laube Dämmerschein
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Und weichen Mädchenwangen.

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Ich fand ein Wirtshaus, alt, bestroht,
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Umringt von Baumgardinen.
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Die alte Frau am Eingang bot
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Gebäck und Apfelsinen.

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Im Garten: Schaukeln, Karoussel,
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Und Zelte, übersonnte.
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Ein Scheibenstand, wo man als Tell
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Den Apfel schießen konnte.

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Den Affen zeigt Neapels Sohn,
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Die Kegelkugeln rollen.
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Dort steigt ein roter Luftballon,
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Um den die Kinder tollen.

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Musik, Gelächter, Hopsasa,
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Wo bleibt das hübsche Mädchen.
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Da plötzlich in dem Tralala
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Ein allerliebstes Käthchen.

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Das war ein gar zu liebes Ding,
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Goldregenüberbogen.
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Just kam ein kleiner Schmetterling
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Dicht ihr vorbeigeflogen.

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Ich stutzte überraschungsfroh,
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Schaut’ ihr in Auges Tiefe.
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Wenn auch ihr Blick mich immer floh,
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Die Augen waren Briefe:

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„geh’ langsam durch den Garten hier,
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Auf buntbelebten Wegen.
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Wir treffen uns, ich komme dir
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Von ungefähr entgegen.“

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So wandr’ ich denn, und wie der Dieb
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Schiel’ ich in Näh’ und Weite,
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Ob bei der Mutter sie verblieb,
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Ob sie mir an der Seite.

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Indessen steht sie neben mir —
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Ich kann nicht Worte finden.
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Ein zwei, drei Zoll lang Fädchen schier
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Könnt’ uns zusammenbinden.

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Im Saale trommelts, quikt und quackt
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Der Geiger und der Pfeifer.
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Wir tanzen bald in regem Takt
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Den alten deutschen Schleifer.

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Ich drücke sanft die kleine Hand,
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Sie drückt die Hand mir wieder.
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Wo dann den Weg mit ihr ich fand,
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Da leuchtete der Flieder.

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Bleib hier, bleib hier, bis Tageslicht
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Und letztes Rot verblassen.
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„ach, Liebster, länger darf ich nicht
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Die Mutter warten lassen.“

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Bleib hier, ich zeige dir den Stern,
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Wo einst wir uns gesehen.
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Sieht er uns hier vom Himmel fern,
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Dann bleibt er grüßend stehen.

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„laß mich, Herzallerliebster mein,
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Die Mutter sucht im Garten“.
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So schleiche dir ich hinterdrein,
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Und will im Dunkel warten.

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Wenn alles schwarz und still im Haus,
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Dann wart’ ich in der Laube.
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Wenn alles still, dann komm heraus,
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Du meine weiße Taube.

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Es klinkt die Thür, und gleich darauf
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Huscht sie zu mir hernieder,
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„pst, nicht so stürmisch, hör’ doch auf,
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Du weckst die Mutter wieder.“

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Von tausend Welten überdacht,
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Die ruhig weiter gehen.
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Es zog ein Stern um Mitternacht,
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Und grüßend blieb er stehen.

(Liliencron, Detlev von: Adjutantenritte und andere Gedichte. Leipzig, [1883].Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Detlev von Liliencron
(18441909)

* 03.06.1844 in Kiel, † 22.07.1909 in Rahlstedt

männlich

deutscher Autor

(Aus: Wikidata.org)

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