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Der Tag ist aus, und letzt' Geläut
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Verkündet uns: Genug für heut.
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Fort legt der Schuster seinen Pfriemen,
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Und der den Hobel, der den Riemen.
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Der Bauer trennt sich von der Sense,
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Der Knecht hängt an den Pflock die Trense.
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Der Schreiber selbst, der arme Mann,
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Er sieht die Welt sich draußen an.
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Bekanntlich ist bei uns der Mai
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Von Eis und Schnee nie gänzlich frei,
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Doch ist es heut ein Sommerabend,
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Der alte Reim darauf ist labend.
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Viel Liebespärchen sind bereit,
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Um, kommt die liebe Dunkelheit,
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Zu scherzen viel und viel zu flüstern,
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Natürlich unter düstern Rüstern.
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Ein Jeder sucht von Dissonanzen,
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Die selbst den hellsten Tag verschnein,
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Bei Tagesschluß sich zu befrein.
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In Spanien durch Fandangotanzen,
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Wir sitzen hinter Flaschenschanzen.
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Auch ist’s behaglich, wenn Lakaien
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Recht warme Schüsseln vor uns setzen,
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Und wir den Braten dann zerfetzen,
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In Honolulu mit den Nägeln,
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Wir nach bekannten Anstandsregeln.
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Ich lobe mir die Tafelfreuden,
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Wenn nicht zuviel wir d’ran vergeuden,
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Als angenehmste Zeit am Tage,
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Vergessen Schema F und Plage.
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Doch mehr Genüsse giebt es noch
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Nach Lebenslast und Tagesjoch.
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Zum Beispiel der Natur sich freuen,
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Und sich im Wandern zu zerstreuen.
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So fand ich heut, ich weiß nicht wie,
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Vielleicht auf meiner Baronie,
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Auf einer Wiese weit und breit
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Die stille Blume Einsamkeit.
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Zwei braune Kühe rupften dort,
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Ein Flüßchen schwatzte fort und fort,
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Und aus den Buchen an der Heide,
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Zwar Walter von der Vogelweide
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Sagt Linden, sang die Nachtigall
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Wie kam ich plötzlich auf Homer?
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Es fiel mir aus der Ilias
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Achilleus ein. Ich mag ihn nicht,
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Und leiste gern auf ihn Verzicht.
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Sprach jemals einer solche Worte
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Zu seinem Feinde, wenn die Pforte
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Des Todes sich ihm öffnen will.
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Es höhnt der Fleischerknecht Achill,
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Als Hektor sterbend vor ihm lag:
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„nun hast du deinen letzten Tag.
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Die Hunde sollen dich zerbeißen,
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Und wilde Geier dich zerreißen.“
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Und keine Kunst! Pallas Athene
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Stand Seit’ ihm in der Schlachtenscene,
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Und reicht’, verhüllt, ihm wieder her
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Das schon verschleuderte Gewehr.
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Bin ich von dieser Welt geschieden?
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Dort auf dem Flusse den Peliden
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Seh’, drohend mir, zur Schlacht bereit,
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Ich stehn in hoher Herrlichkeit.
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Bin ich denn bei den Spiritisten,
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Die überall sich einzunisten
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Gesonnen sind. Ich denke: nein —
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Ein neues Bild: Held Don Quixote.
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Hadrianus, Ebers, Nero, Heine,
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Bald wechseln Lebende, bald Tote,
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Bald große Männer, bald auch kleine.
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Lord Byron kam und schwand alsdann.
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(ich liebe seinen „Don Juan“.)
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Und weiter zogen Helden, Dichter,
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Gesetzesgeber, große Richter.
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Bis endlich noch Fritz Käpernick
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Und Caesar „mit dem Greifenblick.“
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Dann zum Beschluß der große Dante,
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Der leider noch sehr unbekannte.
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(soll ich mich ganz dem Dichter geben,
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Will ich kein Kommentar daneben.)
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Es führten ihn in ihrer Mitt’
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Herr Meierleben und Herr Schmitt. —
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Und eine Leere trat nun ein,
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Vom Flusse schwand der Phosphorschein.
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Es rauschte Welle nur auf Welle
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Gemütlich durch die Mondeshelle.
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Da sieh! Beim heiligen Krucifixe!
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Es taucht hervor die Wassernixe.
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War das ein wundervolles Weib,
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War das ein wundervoller Leib.
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Als sie dem Schilf entstieg und Rohr,
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Da brach erschreckt ein Kranich vor,
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Und spannte schwer die breiten Flügel,
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Und hob sich über Holz und Hügel.
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Doch als ich näher ging und sah,
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Und endlich ganz der Nixe nah,
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Wen mußt’ ich sehen! Gott der Gnade!
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Wen fand ich hier am Schilfgestade —
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Die einst ich liebte warm und wahr.
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Doch damals hing das blonde Haar
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So lang noch nicht, wie nun es war.
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Es fließt ihr über Hals und Nacken,
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Bis leicht es lose Wellen packen.
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Die Kleidung schloß sich mehr decent
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Als hier im feuchten Element,
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Wenn ihre Arme auch und Hände
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Sich kreuzen vor der Brust als Wände.
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„o sprich, o sprich ein einzig Wort,
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Wie kamst du her an diesen Ort?“
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Doch blieb sie stumm und sah mich an,
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Daß mir die Thräne niederrann.
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Und wurde blasser, immer blasser,
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Und sank allmählig in die Wasser. —
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Ich wandte mich und ging feldein,
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Doch eh ich hundert Schritte kaum
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Gegangen war in schwerem Traum,
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Kehrt’ ich mich um im Mondenschein.
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Da stand sie wieder, doch bewegt,
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In ihren Mienen aufgeregt.
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Ein Schrei drang gellend her von ihr,
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Wie Ruf und Schrei von einem Tier.
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In Böhmen einst, in Junitagen,
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In heißer Schlacht, in heißer Schlacht,
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Hört’ ich ein Pferd im Tode klagen,
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Das klang durch all’ die heiße Schlacht.
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Wir kämpften um ein Dorf mit Wut
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In dickem Staub und Sonnenglut.
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Mann gegen Mann, in Haus und Garten,
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Um Knick und Mauer, Dach und Scharten.
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Da, mitten drin im Pulverdampf,
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Kommandoruf und Roßgestampf,
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Durch Trommelwirbel, Hörnerschall,
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Durch Mordgeheul und Donnerknall,
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Hört’ ich aus einem Stall, der brannte,
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Ein Schreien, das mich übermannte.
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„hierher, rief ich mit heiserer Stimme,
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Hierher zu mir im letzten Lauf,
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Hierher! und schlagt die Thüren auf!“
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Sie kamen schnell in Sturm und Grimme,
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Und als wir in die Scheune drangen,
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Sah bald an einer Kett’ ich hangen
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Ein halbverkohltes Pferd, das schrie,
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Und ich vergess’ es im Leben nie. —
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Habt einen Menschen ihr gehört,
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Hat euer Blut sich nicht empört,
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Wenn ihm, vor allzugroßem Schmerz
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Nicht brechen Auge kann und Herz?
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In Frankreich war es. Blutbespritzt,
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Schweißübergossen, überhitzt,
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Just um des Schlachtentages Mitte.
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Von meinen Pferden schon das dritte,
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Das ich bestiegen im Gefechte.
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Den hungrigen Degen hielt die Rechte,
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Und meine herrliche Kompagnie,
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Zu sattem Siege führ’ ich sie.
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Da, als wir über Leichen stolpern,
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Durch Stein und Buschwerk weiter holpern,
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Und nur die freie Bahn ersehnen,
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Den Feind zu packen mit den Zähnen,
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Erschrak ein Schrei mich in der Nähe,
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Der klang so gräßlich, klang so jähe,
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Daß ich entsetzt vom Pferde sprang,
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Und keuchend an die Stelle drang,
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Da lag mein Freund, zerrissen, bloß,
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Im Sonnenfeuer, das ihn sott,
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Noch mit Besinnung, rettungslos.
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Das Eingeweide hing heraus,
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Er starrt mich an im Sterbegraus,
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Und ich verstand den stummen Blick:
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„thu’ deine letzte Freundespflicht.“
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Und lange war mein Zögern nicht,
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Schon spannt’ ich den Revolverhahn,
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Da lehnt er sich im letzten Wahn
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An meine Brust. Und Gott sei Dank!
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Von seinem Schiff ins Todesmeer
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Des Mastes Wimpel untersank.
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Noch stammelt er: „Siegt unser Heer? —
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Schnellfeuer — dort — der König — Sein
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Im Tod …“ … und ruhig schlief er ein.
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Ich küßte seinen bleichen Mund,
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Und stürzte wieder in die Schlacht,
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In den quirlenden, qualmenden Höllenschlund,
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Bis uns der Tag den Sieg gebracht. —
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Doch grauenvoller war der Schrei,
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Den eben schrie die Wasserfei:
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„o wehe, weh, die Stund’ ist da.“
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Und gleich nachdem der Ruf geschah,
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Hört’ ich es hinterm Hügel nah,
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Und trab, trab kommt es näher schon,
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Und näher, näher schwillt der Ton,
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Da, auf des Hügels breiter Kuppe,
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Links blieb die kleine Tannengruppe,
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Ein Mensch, am Himmel ausgeschnitten,
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Ein Pulsschlag war es, dann herab,
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So läuft er auf sein nasses Grab.
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Halt! Halt! und bald steh’ ich in Mitten
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Von Wasserweib und Menschenkind,
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Und fing den Stürmer auf geschwind.
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Der wehrte sich und wollte fort,
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Er müsse zu der Nixe dort.
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Ich hielt ihn wie mit Eisenklammern,
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Es half ihm Klagen nicht und Jammern.
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Da, gräßlich, schreit es noch einmal,
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Im Echo ruft das ganze Thal,
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Und wunderbar, wie vordem schon,
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Tönt trab, trab, trab der alte Ton,
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Erst hinterm Hügel, dann hoch oben,
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Die Augen stier, die Händ’ erhoben.
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So stürzt der Läufer niederwärts,
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Dem schönen Nixenweib ans Herz.
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Ich sah, eh’ ich den Sinn verlor,
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Die Nixe drängt ans Ufer vor
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Und spannte weit den schönen Arm —
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Da schoß auf mich ein Sternenschwarm.
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Am andern Tag in früher Stund’
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Erwacht’ ich auf dem Wiesengrund.
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Die beiden Kühe rupften wieder —
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Doch dort, sie suchen was im Fluß,
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Und tauchen ihre Stangen nieder —
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War das des Traumes herber Schluß?
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Und sieh! Wen tragen dort die Hände,
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Sie trugen einen, der versank
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Und diese Nacht im Fluß ertrank.
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Das war des schweren Traumes Ende.