Erinnerung

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Detlev von Liliencron: Erinnerung (1883)

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Die großen Feuer warfen ihren Schein
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Helllodernd in ein lustig Biwaktreiben.
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Wir Offiziere saßen um den Holzstoß
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Und tranken Glühwein, sternenüberscheitelt.
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So manches Wort, das in der Sommernacht
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Im Flüstern oder laut gesprochen wird,
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Verweht der Wind, begräbt das stille Feld.
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Die Musketiere sangen: „Stra — a — sburg,
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O Stra — a — sburg“ … Da fühlt’ ich eine Hand,
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Die leise sich auf meine Schultern legte.
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Ich wandte rasch den Kopf, und sah den Lehrer,
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Bei dem ich, freundlich aufgenommen, gestern
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Quartier gehabt; der nun, verabredet,
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Mit seinem Töchterchen gekommen war.
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Ein Mädel, jung gleich einer Apfelblüte,
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Die niemals noch der Morgenwind geschaukelt.
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Der Alte mußte neben uns sich setzen,
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Und während ihm das Glas die Freunde füllten,
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Führt’ ich, von Allem ihr Erklärung gebend,
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Das Mädchen langsam durch die Lagerreihen.
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Sie sprach kein Wort, doch lautlos sprach ihr Mund,
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Ihr Lächeln und ihr staunend großes Auge.
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Wie schön sie war, wenn sie beim Feuer stand,
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Und rote Funken knisternd uns umtanzten.
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Es hob sich die Gestalt vom dunklen Himmel
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Scharf ausgeschnitten aus dem schwarzen Rahmen.
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Und einmal, als Soldaten, die verkleidet
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Als Storch und Bär, uns ihre Künste zeigten,
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Da lehnte flüchtig sie, beinah erschrocken,
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An meine Brust ihr frommes Kinderantlitz.
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Wir traten zögernd dann den Rückweg an,
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— Es stahl der Mond sich eben in die Bäume,
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Und in der Ferne, bei den Doppelposten,
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Fiel, dumpf verhallend durch den Wald, ein Schuß. —
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Wir gingen Hand in Hand,
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Und so, halb stehend, halb im Weiterschreiten,
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Bog ich mein Haupt hinunter zu dem ihren.
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Ich fühlte wie die jungen Lippen mir
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Entgegenkamen, und noch heute seh’ ich
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Ihr dunkles Auge in die Sterne leuchten…
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Als längst der Alte mit ihr fortgegangen,
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Saß ich im Kreise meiner Kameraden
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Und dachte sehnsuchtschmerzlich an das Mädchen,
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Bis mir zuletzt die schweren Lider sanken.
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Mein treuer Bursche trug mich in mein Zelt
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Und deckte sorgsam mir den Mantel über.
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Seitdem bin ich durch manches Land gezogen,
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Doch unvergessen bleibt mir jene Nacht.

(Liliencron, Detlev von: Adjutantenritte und andere Gedichte. Leipzig, [1883].Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Detlev von Liliencron
(18441909)

* 03.06.1844 in Kiel, † 22.07.1909 in Rahlstedt

männlich

deutscher Autor

(Aus: Wikidata.org)

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