Der Gouverneur

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Detlev von Liliencron: Der Gouverneur (1883)

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Auf einer Forscherfahrt im Ocean
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Fand ich ein Inselchen, so leer und öde,
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Als hätte jüngst das Schwert des Tamerlan
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Den letzten Keim gebrochen, hart und schnöde,
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Die Pest gezogen ihre Beulenbahn,
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Daß wenig Menschen blieben, blaß und blöde.

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Kein Pflug, ernährend, riß die Ackerkrume,
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Kein Jäger sang, am Hut die Feder keck.
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Spärlich wuchs Gras und Moos und Hundeblume,
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Zwergobst verkroch in’s Blatt sich, grün vor Schreck.
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Ein Städtchen lag, verlassen im Wehtume,
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Am ganz verschlammten Hafen im Versteck.

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Voran geht immer der Herr Bürgermeister,
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Er litt am Stein, war grämlich, matt und mager.
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Es folgt der Richter, ein weit hergereister
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Und sehr gerechter Mann, auch etwas hager.
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Der Arzt, des wack’ren Todes Hilfeleister,
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War lange schon des Apothekers Schwager.

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Der Zöllner spielte täglich seinen Skat
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Acht Stunden mit den beiden Herrn Pastoren.
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Wie Dornenröschen schlief der Advokat,
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Kein Kundenprinz hat je sich hinverloren.
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Im Sitzungssaale gähnt der hohe Rath,
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Die Boten schnarchen auf den Korridoren.

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Doch nein, das that er nicht. Im Gegentheil,
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Er war ein milder und humaner Herr.
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Ihm folgten Männer ohne Schwert und Beil.
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Umdrängten ihn mit Hin- und Hergezerr
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Die guten Leute, riefen alle Heil!
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Heil! auch die Kinder mitt’ im Schulgeplärr.

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Es hatte auch das Städtchen Garnison,
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An jedem Mittwoch war Parolausgabe.
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Dann zog die Wache auf vom Bataillon
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Mit Tschingdada, Dienstmädchen, Schusterknabe.
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„die Herrn Offiziere!“ rief mit Donnerton
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Der Gouverneur, umringt von seinem Stabe.

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Warum er hier, das konnte Keiner sagen.
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Er lebte nun seit vierzig Jahren schon,
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Im Sommer heiß, im Winter hoch den Kragen,
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Auf diesem allerliebsten kleinen Thron.
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Die einen sprachen, daß in frühern Tagen
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Ihn sehr gekannt Herr Levy Nathansohn.

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In einer Sommernacht im alten Garten
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Des Königs stand ein junger Offizier.
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Es schlug die Nachtigall, die Frösche quarrten,
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Der Mond beschien am Schloß den Grenadier.
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Auf Muschelwegen, harten, leise knarrten
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Zwei Stiefelchen . . Pst . . Liebster . . bist du hier …

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Denn gräßlich, gräßlich endet der Roman:
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Es schlich, huhu! im Garten ein Lakai,
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Der Schlingel hatte, bei Sankt Kilian!
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Entlassen eben selbst erst seine Fei.
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Der sah das Paar. Anzeige. Wutorkan —
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Und ach, wie schnell entschwand des Lebens Mai.

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Als ihn nun fror im kalten Aechtungsschatten,
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Packt ihn zuerst ein wütend Heimatweh.
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Es kam der Fluchtversuch ihm schlecht zu statten,
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Als er dem Eiland sagen wollt’ Ade.
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Seit jener Zeit durchkreuzten zwei Fregatten
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Vor seinem Felsenschlosse stets die See.

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So traf ich ihn. Sein Bart war lang und weiß,
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Sein Wuchs der eines wuchtigen Athleten.
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Für Alles interessirte sich der Greis,
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Besonders auch für unsere Poeten.
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Ich sah ihn manch modernes Dichterreis,
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Oft vielgelesen, arg zusammentreten.

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Sein Haus führt eine Wittwe, jung und schlank,
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Mit einem Stumpfnäschen wie der Kirgise,
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Die braunen Augen schmachteten wie krank
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Nach Liebe, Lieb’ auf stiller Waldeswiese.
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Hier, leider, gab es keine, und so sank
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Im Zimmer ich zu Füßen meiner Lise,

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Des Alten Leben ging wie nach der Schnur.
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Am Posttag unterschrieb er Amtsberichte,
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Schlag elf Uhr kam der Adjutant du jour,
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Punkt sieben aß er drei bis vier Gerichte,
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Durchflog alltags die neuste Litteratur,
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Und schrieb Sonntags von neun bis zehn Gedichte.

(Liliencron, Detlev von: Adjutantenritte und andere Gedichte. Leipzig, [1883].Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Detlev von Liliencron
(18441909)

* 03.06.1844 in Kiel, † 22.07.1909 in Rahlstedt

männlich

deutscher Autor

(Aus: Wikidata.org)

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