Professor Mamlock

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Figurenkonstellation

Friedrich Wolf

Professor Mamlock (1935)

Ein Schauspiel

Uraufführung1934

SchauplatzOrt: Chirurgische Station und Wohnzimmer von Professor Mamlock

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Erster Akt

Vor der Hindenburgwahl. – Mai 1932. – Chirurgische Station von Professor Mamlock. Vorbereitungsraum zum Operationssaal. Einzelne fahrbare Krankentragen werden von rechts und links in den Operationssaal gerollt. – Dr. Inge Ruoff und Dr. Hellpach am Waschbecken sich desinfizierend. Die Operationsschwester Hedwig kommt von rechts.
Dr. Inge:
Wie ist eingeteilt, Schwester?
Schwester:
Zwei Inguinalhernien, eine Appendizitis, ein Axillarabszeß für die Herren, die putride Choleocystitis für Herrn Professor.
Mit Instrumenten wieder nach links ab.
Dr. Inge
sich desinfizierend:
5
Ob wir auch einmal an die Gallenblase und die größeren Sachen kommen?
Dr. Hellpach:
Solange Mamlock Chefarzt der Abteilung ist, ausgeschlossen, der läßt keinen anderen ran, der operiert noch im Grabe.
Dr. Hirsch von rechts; er legt schon während des Hereinkommens schnell seinen Visitenmantel ab und läßt sich von Simon, der mit ihm eintritt, die Wachstuchschürze anziehen; ihnen folgt bald Schwester Hedwig.
Dr. Hirsch
geschäftig:
Morgen, Kollegin, Morgen, Kollege ... der Alte ist schon im Bau. Heute ist Großkampftag: die zwei Hernien, die Appendizitis, der Axillarabszeß und die große putride Sache für den Alten, und eben ist noch ein schweres Trauma eingetrudelt, was, Simon?
Simon:
Stich durch den Oberarm, Brachialis verletzt.
10
Dr. Hirsch:
Wie ist eingeteilt?
Dr. Hellpach:
Für die minores gentes wie üblich der Kleinkram, der Hühnermist!
Dr. Hirsch:
Na, in den Gallenblasensachen, da ist er ja doch unbestrittener Champion. – Übrigens, erstaunlich, wie er das aushält, dies stundenlange Stehen am Operationstisch, für ihn wahrscheinlich kein Pappenstiel, bei dieser schweren Kriegsverletzung und Verkürzung seines Beines.
Dr. Inge:
Ist er vom Gaul gefallen?
Dr. Hirsch:
Zerschmetterung des Oberschenkels durch Granatsplitter.
15
Dr. Inge:
Wissen Sie das genau?
Dr. Hirsch:
Weshalb fragen Sie?
Dr. Inge:
Könnte ja auch 'ne Fliegerbombe in der Etappe gewesen sein.
Schwester
erregt:
Nichts Etappe, Fräulein Doktor, nichts Etappe! Der Herr Professor, der damals erst Oberarzt war, der hat mehr Pulverdampf geschmeckt als Chloroform, der stand die vier Jahre vorn bei der Truppe, bekam schon 1916 das EK I, nach der Schlacht an der Somme.
20
Dr. Inge:
Heißen Dank für die militärische Belehrung, Schwester!
Schwester:
Bitte, gern geschehen.
Dr. Hirsch
sich desinfizierend:
Na, glauben Sie, Kollegin, der Alte hätte es in der Etappe überhaupt ausgehalten, so ein Sanguiniker, so ein Pykniker, so ein Draufgänger und Spartaner! Als wir ihm vor vier Jahren mal einen wandernden Splitter und butternden Sequester aus dem Bein entfernten, was meinen Sie: Nach zwei Wochen stand er wieder im Saal ... ein Pflichtbewußtsein hat der Mann, direkt eisern, direkt preußisch!
Dr. Inge:
Kann auch was anderes sein.
25
Dr. Hirsch
aufsehend:
Zum Beispiel?
Dr. Inge:
Zum Beispiel, es gibt Leute ...
Hält an sich.
Ach was, es gibt da so 'ne Art Tüchtigkeit, die förmlich provoziert ...
30
Schwester:
Weil niemand die Gallenblasensache so macht wie er!
Dr. Inge:
Brechen Sie sich mal keine Verzierung ab, Schwester! Ich sage schon gar nichts mehr gegen Ihren Professor, aber in diesem Falle wirkt die Nibelungentreue direkt grotesk.
Dr. Hirsch
betont:
Wie meinen Sie das, Kollegin?
Dr. Inge
auf Pupille:
35
Genauso, wie Sie's verstehen, Herr Kollege Hirsch! Na, jetzt verpfeifen Sie mich ruhig, sagen Sie ihm, daß ich mir wieder die Schnauze verbrannt habe ...
Auf der fahrbaren Trage wird hereingerollt Dr. Werner Seidel, Chefredakteur des »Neuen Tagblatts«; er ist mit einem weißen Laken bedeckt, schon operationsfertig bis auf den Ausschnitt um Gallenblase und Blinddarm, der noch zu »joden« ist; mit ihm kommt der Oberarzt Dr. Carlsen, der stellvertretende Chef der Station. – Seidel ist ein etwas korpulenter Fünfundvierziger mit rundem, von Schmissen zerhacktem Gesicht, alter Korpsstudent.
Dr. Seidel:
Heil und Sieg, meine Herren! Morituri te salutant! Sind die Schwerter schon geschliffen? Aber, meine Herren, vergessen Sie bitte nicht ... die rechte Seite ist die kranke, rechts sitzt die Gallenblase, links das Herz, und den Blinddarm tunlichst drinnen lassen ... man trägt ihn wieder!
Dr. Carlsen:
Beruhigen Sie sich, Herr Doktor, das ist vielleicht die 3000. Gallenblase, die Professor Mamlock in seiner Praxis entfernt.
Schwester:
Nr. 2817 der Cholektomien von Herrn Professor.
Seidel
mit dem Torso einer Verbeugung:
40
Danke, danke, Schwester, sehr gütig! – Ja, glauben Sie, meine Herren, ich würde mich von einem anderen Chirurgen operieren lassen als von Mamlock, als von meinem alten Schulkameraden Hans Mamlock? Nicht mal vom Chefchirurgen des King of England and the British Empire! Ausgeschlossen! Aber Mamlock ... haben Sie einmal gesehen, wie er einen Bleistift spitzt ... mit mathematischer Exaktheit; er mußte für unseren Direx als Sekundaner immer die Stifte spitzen, der geborene Chirurg! Nein, meine Herren, lachen Sie nicht! Keine manuelle Exaktheit ohne geistige Disziplin! Nie kam er eine Minute zu spät zum Unterricht, ich entsinne mich nicht, daß er einen Tag je gefehlt hätte ...
Dr. Carlsen:
Ganz wie hier.
Seidel:
Exakt wie ein Uhrwerk, hundert Prozent zuverlässig!
Dr. Carlsen:
Also können Sie doch absolut ruhig sein.
Seidel:
Bin ich ja auch, Herr Oberarzt, bin ich ja auch, nur sehen Sie, in jedem Uhrwerk kann es mal knacksen.
45
Dr. Hirsch:
Sie erlauben, bei Professor Mamlock wird es nie »knacksen«.
Seidel:
Natürlich nicht, bei ihm nicht ... gestatten, –
sich halb aufrichtend
– Seidel!
Dr. Carlsen:
Verzeihung – Dr. Seidel, Chefredakteur des »Neuen Tagblatts« – Dr. Hirsch, Dr. Hellpach, Fräulein Dr. Ruoff, Schwester Hedwig.
50
Seidel:
Sehr angenehm ... verstehen Sie mich recht, ich habe grenzenloses Vertrauen zu Ihnen allen, wäre ich sonst hier? Aber, meine Herren, –
leiser
– angesichts solch einer Narkose und soviel weißer Mäntel, da wird meine ... Heißluftphilosophie noch deutlicher.
Dr. Hirsch:
»Heißluftphilosophie«?
Seidel:
Sie wissen, wo heiße Luftmassen sind, da strömenkalte Luftmassen herein, das Übernormale zieht das Anormale an, und dieser überexakte Mamlock korrespondiert mit irgendeiner Unexaktheit in mir.
55
Dr. Hirsch:
Na, vielleicht haben Sie überhaupt gar keine Gallenblase.
Seidel
erregt, leise:
Gerade das! Sehen Sie, meine Herren, genau das ... diese angeborenen Anomalien, diese Kinder mit zwölf Fingern und rudimentärem Schwanzwirbel, oder das Herz auf der rechten Seite und die Leber und Gallenblase auf der linken ...
Dr. Inge:
Nun, das werden wir ja sehen, wenn wir aufmachen.
Seidel:
Sehr liebenswürdig, verehrtes Fräulein ... machen wir also auf!
60
Legt sich erschöpft zurück.
Dr. Carlsen
dazwischen:
Kollegin Ruoff, ich denke, Sie assistieren mir bei der Appendizitis und Transfusion.
Dr. Inge:
Jawohl, Herr Oberarzt.
Dr. Carlsen
einteilend:
65
Herr Dr. Hirsch, Sie übernehmen wohl die Hernie, Herr Dr. Hellpach, Sie können Herrn Professor assistieren.
Dr. Hellpach:
Könnte ich nicht lieber bei Ihnen, Herr Oberarzt ...
Dr. Inge:
Nee, nee, lieber Hellpach, das ist jetzt mein Platz, geben Sie sich mal 'nen Ruck, überwinden Sie sich mal ...
Dr. Hirsch:
Was heißt das?
Seidel
sich aufrichtend:
70
Aber meine Herrschaften, wegen dem bißchen anormalen Situs bei mir, der eventuellen linken Gallenblase ... nur Mut, meine Herren, meine Zeitung verlangt mich, gerade jetzt vor den Wahlen ... stürmische Zeiten, meine Herren, ernste Zeiten ...
Dr. Hirsch
begeistert:
Große Zeiten!
Seidel:
Eiserne Zeiten! Es lohnt sich wieder, zu leben und einen Standpunkt zu haben ...
Dr. Inge:
Standpunkte haben wir Dutzende gehabt in den letzten Jahren; Standpunkte sind eine individuelle Sache, eine demokratische Sache, eine Sache von tausend Willen: Was unser Volk heute braucht, das ist ein Wille, das ist ein Führer!
75
Seidel:
Und haben wir den etwa nicht! Unseren herrlichen greisen Führer, den Treuhänder des ganzen Volkes?
Dr. Inge:
Was ist schon euer Hindenburg?
Dr. Hirsch:
Er ist der Führer für alle, die im Felde standen!
Dr. Hellpach:
Wo standen Sie doch im Felde, Kollege Hirsch?
Dr. Inge:
Waren Sie nicht beim Train, Kollege Hirsch?
80
Dr. Hirsch
gereizt:
Jawohl, »beim Train«, Kollegin Ruoff!! Dutzende Fliegerbomben gingen über unserm Pferdeersatzdepot nieder; einmal brauste solch schwerer Kohlenkasten der englischen Langrohre mitten in unser Lager ... eine Detonation, als zerplatzte die Erde, fünfzehn Gäule, sechs Tote und über ein Dutzend verwundeter Kameraden blieben auf der Strecke.
Seidel:
Grauenhaft!
Dr. Inge:
Was sind ein Dutzend gefallener Soldaten, wenn ein Volk um seinen Platz an der Sonne ringt?
Seidel:
Jeder gefallene Soldat, Fräulein Doktor, ist eine verlorene Schlacht. Die Menschheit kämpft heute mit anderen Mitteln ...
85
Dr. Hellpach:
Es gibt keine Menschheit, es gibt nur Volk! Und jedes Volk, das auf Ehre und Lebensraum hält, auch unser Volk, kann nur mit der Waffe in der Hand seinen ihm gebührenden Platz wahren.
Dr. Hirsch:
Wo bedroht man denn unserm Volk seinen Platz an der Sonne?
Dr. Hellpach:
Wo? Es gibt noch Millionen deutscher Volksgenossen, die unter Fremdherrschaft schmachten; dennDeutschland ist überall, wo die deutsche Zunge klingt, wo deutsches Blut durch deutsche Adern braust, Deutschland ist Elsaß, ist Saargebiet, ist Österreich ...
Dr. Inge:
Ist Schleswig-Holstein ...
Dr. Hellpach:
Deutschland ist das deutschsprechende tschechische Mähren, ist das deutschbesiedelte ungarische Siebenbürgen, Deutschland ist Kurland, ist Baltenland, ist die Ukraine, ist der ganze russische Ostraum, den wir als Siedlungsgebiet für unser Volk brauchen ...
90
Dr. Hirsch:
Das ist der Krieg ...
Dr. Hellpach:
Das ist der Aufbruch der Nation ...
Seidel:
Der Untergang der Menschheit ...
Dr. Inge:
Der Untergang der Untüchtigen, der Feiglinge, der Schwachen ...
Dr. Carlsen, der mit der Schwester vor ein paar Minuten in den Operationssaal ging, kommt wieder zurück.
Dr. Carlsen
dazwischen:
95
Zum letztenmal, Kollegen, wir sind hier im Dienst und nicht in einer Volksversammlung.
Seidel:
Völlig richtig, Herr Oberarzt, und doch ganz ungewöhnliche Verhältnisse, historische Augenblicke, in denen wir leben.
Hat sich aufgerichtet.
Dieser Fall muß geklärt werden ...
Schwester:
Aber, Herr Doktor, Sie haben ja wieder über die Stelle gewischt; jetzt kann ich zum dritten Male joden!
100
Seidel
abwehrend, stützt sich auf, feierlich:
Navigare necesse est, vivere non! Schwester, Leben ist ein Dreck, jetzt heißt es kämpfen!
Professor Mamlock schnell von rechts, noch im langen weißen Arztmantel.
Mamlock:
Morgen, meine Herren, Morgen, Schwester!
Zu Seidel.
Entschuldige, Werner, –
105
während die Schwester ihm den langen Mantel abnimmt und in den kurzärmligen Operationsmantel, in Gummihandschuhe und Gummischürze hilft
– dieser Wahlkampf hält einen sogar von der Klinik ab.
Seidel:
Das will was heißen bei dir!
Mamlock:
Konnt ich's abschlagen. Ich bin in den Reichsausschuß des Hindenburgkomitees gewählt. Du weißt, ich verstehe sonst nichts von Politik; aber hier muß man doch seinen Mann stehen.
Seidel:
Klar, du als alter Krieger!
110
Mamlock
während er Puls, Herz, Lunge untersucht:
Wenn er ruft, haben wir zu folgen!
Mit Membranoskop abhorchend.
Na, nun mal tief atmen, Nase ein, Mund aus ... in Ordnung ... Atem anhalten ... na, das Herzchen plubbert ziemlich ... Alkohol oder Lampenfieber, alter Junge?
Seidel:
Unsinn, Hans, hatten eben nur 'ne kleine Wahlversammlung hier.
115
Mamlock
der sich wäscht:
Nanu? Hier in meiner Klinik, intra muros endet die Politik, hier herrscht die Wissenschaft.
Zu Carlsen.
Wie ist eingeteilt, Kollege?
Carlsen
fast militärisch meldend:
120
Herr Professor und Kollege Hellpach die Cholektomie, Dr. Hirsch und Kollege der II. Abteilung die Appendektomie, ich selbst und Kollegin Ruoff die Hernie und Transfusion.
Mamlock:
Wer spendet? Der Simon?
Dr. Carlsen:
Jawohl.
Mamlock:
Schon das fünfte Mal in diesem Jahr ... toller Knabe, hierher!
Schwester nach links ab. Verwundeter Arbeiter wird hereingefahren. Oberarzt Carlsen dirigiert ihn mit Simon in den Vordergrund.
Dr. Carlsen:
Hier, Herr Professor, der Verwundete!
125
Mamlock
hinzu, untersucht:
Dringliche Sache ... Stich durch die Brachialis ... ziemlich ausgeblutet.
Dr. Hirsch:
Der Mann ist ja weiß wie 'ne Kalkwand.
Mamlock:
Wann ist's passiert?
Dr. Carlsen:
Diese Nacht, die übliche Schlägerei und Schießerei zwischen Nazis und Kommunisten.
130
Mamlock:
»Die übliche«? Und das nimmt jetzt zu von Tag zu Tag. Höchste Zeit, daß die Wahlen Schluß machen mit dem ganzen Spuk!
Zum Verwundeten.
Na, mein Lieber, das hätte beinahe das Lebenslichtlein ausgeblasen!
Arbeiter:
Dazu gehört nicht viel.
Mamlock:
Was schaffen Sie?
135
Arbeiter:
Kurzarbeiter, Eisendreher.
Mamlock:
Familie?
Arbeiter:
Jawohl.
Mamlock:
Und da lassen Sie sich in solche politischen Abenteuer ein, mit Dolch und Revolver? Denken Sie denn gar nicht an Ihre Familie?
Arbeiter:
Gerade weil ick an ihr denke, Herr Professor.
140
Mamlock:
Aber Mann, das ist doch unlogisch! Sie haben doch noch Ihre Arbeit und Ihr Brot!?
Arbeiter:
Herr Professor, det kann ick Ihnen nich so erklären.
Mamlock:
Warum denn nicht?
Arbeiter:
Weil Sie zu jebildet sind, Herr Professor.
Alle lachen.
Mamlock
zu Simon:
145
Also, Simon, hier müssen wir wieder mal ran.
Simon:
Jawohl, Herr Professor.
Mamlock:
Wie oft hast du eigentlich schon gespendet die letzten zwei Jahre?
Simon:
Fünfzehnmal.
Mamlock:
Spürst du nichts danach?
150
Simon:
Kaum.
Mamlock
zu Dr. Seidel:
Wunderbar, wie gut sich sein artfremdes Blut ohne jede Koagulation dem der Andersrassigen assimiliert. – Du bist doch völliger Jude, Simon?
Simon:
Natürlich.
Dr. Inge
zum Arbeiter:
155
Und Sie sind hundertprozentiger Arier?
Arbeiter:
Wat für ein Ding?
Dr. Inge:
Sind Sie reinrassiger Germane?
Arbeiter:
Ach so, von der Seite? Ich bin ein Prolet, Fräulein Doktor, det bin ick! Und wenn man mir und meine Kameraden aus den Betrieben aufs Pflaster wirft, da fragt ooch keener danach, ob ick reinrassiger Germane bin oder ein Kuli oder ein Zulukaffer.
Dr. Hellpach
der nur mühsam an sich gehalten hat:
160
Heute noch vielleicht ...
Arbeiter:
... und wenn mir so 'n SA-Mann det Messer durch die Rippen stößt, dann fragt dieser Naziote ooch nich, ob ick vom ollen David oder vom ollen Willem von Hohenzollern abstamme.
Dr. Hellpach:
Ich verbitte mir das!
Mamlock
dazwischen:
Jetzt aber genug, meine Herren! Hier in der Klinik wünsche ich keine Politik! Sie, Sie werden das nächste Vierteljahr sich friedlich verhalten, verstanden?
165
Zu dem Arbeiter.
Und
Arbeiter:
Det kommt janz uff Ihre Kunst an, Herr Professor.Spritzen Sie mir nur feste neue Bouillon in die Knochen, Herr Professor, man braucht mir wieder.
Simon fährt ihn nach links.
Mamlock:
Simon!
Simon
anhaltend:
170
Herr Professor?
Mamlock
zu ihm hin:
Hast du denn überhaupt noch 'ne Vene, die nicht angestochen ist?
Schaut nach.
Simon
spannt die Muskeln an seinem nackten Arm, lächelt:
175
Das reicht noch für einige Male, Herr Professor.
Mit Arbeiter nach links ab.
Mamlock
sich desinfizierend:
Der reinste Makkabäer.
Seidel:
Wieso »Makkabäer«?
180
Mamlock
immer sich waschend, spricht über die Schulter:
Na, so an Kraft und Mumm, und weil er Jude ist.
Dr. Inge
herausplatzend:
Vielleicht ist er gar kein Jude?
Mamlock:
Sie meinen wegen Reinrassigkeit?
185
Dr. Inge:
Ich meine, bei seiner Kraft.
Mamlock:
Kollegin, es gibt im Osten Länder, wo die Juden Lastträger, Schmiede, Handwerker und Bauern sind. Unser Beruf, unsere Arbeit, die Luft des Landes, in dem wir atmen, das formt die Physis und den Menschen.
Dr. Hellpach
gereizt:
Sie kennen, Herr Professor, die Forschungen von Günter und Fritz Lenz: Die rassischen Erbhormone bleiben konstant, unabhängig von exogenen Einflüssen wie Arbeit, Beruf und Klima!
Mamlock:
Theorien, Zwecktheorien! Haben Sie nie gehört von den Mendelschen Art- und Rassekreuzungen, gerade zur Verbesserung der Arten?
190
Dr. Hellpach:
Und dennoch, bei den menschlichen Rassen bleiben die geistigen spezifischen Merkmale und Eigenschaften konstant!
Mamlock:
Zum Beispiel?
Dr. Hellpach:
Zum Beispiel das Heldische ist etwas typisch Arisch-Germanisches!
Mamlock
lebhaft:
Was Sie nicht sagen, Kollege? Und David, der den riesigen Philister Goliath besiegte und einen Kriegszug nach dem anderen unternahm, das war wohl ein Feigling? Und Simson, der die Tore der Festung aushob und gegen eine ganze Stadt allein kämpfte, das war wohl ein Schwächling und eine Memme? Oder vielleicht hörten Sie von dem babylonischen Gilgamesch und den Neger-Epen, die der deutsche Gelehrte Frobenius sammelte ... wunderbare Heldengeschichten dieser schwarzen Rasse! Gewiß, Kollege, jede Rasse hat ihr besonderes Leben, ihre eigene Schönheit; aber der Rassendünkel ist keine gute Eigenschaft. Auch das Selbstlob der Rassen hat keinen guten Geruch.
195
Dr. Hellpach
erregt:
Es gibt Dinge, über die man intellektuell nicht streiten kann; die Waffen sind zu verschieden.
Mamlock
legt die Operationsschürze an; noch erregt in seinen Gedanken, fast für sich, während er die Hände pudert und die Gummihandschuhe anzieht:
Genug, Kollegen! Ich bedaure, durch das Rassenproblem selbst diese Diskussion heraufbeschworen zu haben. Es ist so wenig Objektivität, so wenig Noblesse, so wenig innere Gerechtigkeit in Ihren Worten. Es ist wohl der Abstand der Generationen; aber noch nie war eine Jugend so brutal, so selbstherrlich.
Wendet sich ab, zieht die weißen Mullhandschuhe an.
200
Schwester, Narkose!
Schweigen. – Die Schwester hat Seidel die Narkosemaske übergestülpt und beginnt zu träufeln. Die Ärzte legen jetzt alle die weißen Mullhandschuhe an und setzen die weißen Kopfhauben
Seidel:
Nur Mut, nur Mut, Alter. Weißt du, wie ich mir vorkomme, Hans, wie ein altgermanischer Recke auf seinem Schild, Ehrenwort ... mit dem Schild oder überhaupt nicht, Ehrensache ...
Schwester
Maske etwas lüftend:
Zählen Sie doch, Herr Doktor, zählen Sie doch!
Seidel
ärgerlich:
205
Ich zähle ja schon ... neun, zehn, zwölf ... verdammter Bockmist diese ganzen Wahlen, nichts als Arbeit und Überstunden und Gallenstauung ... und was kommt dabei heraus, meine Herren ... nichts, als was schon immer war: Demokratie, Idiotie, Kuhhandel und Bockmist ...
Mamlock
hinzu:
Wie ist der Puls?
Schwester:
Etwas klein, aber regelmäßig.
Maske lüftend.
210
Sie sollen zählen, Herr Doktor!
Seidel:
Ich erzähle ja, Himmelkreuzdonnerwetter ... wie ein alter Krieger liege ich da, auf meinem Schild ... angeschnallt auf meinem Schild ... denn Blut ist ein ganz besonderer Saft, und Männer machen die Geschichte ... auf meinem Schild tragt mich zur Wahlurne, auf meinem Schild.
Dr. Hirsch
hinzu:
Was ist denn nur mit der Narkose?
Schwester:
Weshalb zählen Sie nicht, Herr Doktor?
215
Seidel
im Dämmerschlaf:
Auf meinem Schild, hoch hebt mich, auf meinem Schild ... aber Vorsicht, meine Herren Juden, Vorsicht ... die Gallenblase, die Gallenblase, nicht den Blinddarm ... und in zwei Wochen in Front ... zur Entscheidungsschlacht, zur Entscheidungsschlacht ...
Er wird von der Schwester nach links in den Operationssaal gefahren.
Mamlock
der sich schon das weiße Gazemundtuch – zum Schutze gegen Husten – für die beginnende Operation vorgebunden, nimmt dieses einen Augenblick nochmals herunter,
Meine Herren, so sehr uns manches unter den Nägeln brennt, hier in meiner Klinik wünsche ich in Zukunft keine Politik mehr. Hier bei unserer Arbeit gibt es nur Ärzte und Kranke, Ärzte und Kranke, sonst nichts!
Die letzten Worte spricht Professor Mamlock dicht vor Hellpach; dann geht er als erster nach links in den Operationssaal, während die Ärzte mit den Gazemasken vor dem Gesicht ihm folgen.

(Friedrich Wolf: Professor Mamlock. Ein Schauspiel. In: Professor Mamlock. Cyankali. Dramen.Berlin: Aufbau Taschenbuch Verlag2004. (S. 5–85.)Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019.)

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